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Einigung zu Bundes-Notbremse
Ausgangsbeschränkungen ab 22.00 Uhr

Lohne Urlaub und Reisen, das gehört zum Leben dazu, auch für Menschen mit Behinderung. Das bundesweit einheitliche Kennzeichnungssystem „Reisen für alle“ soll ihnen bei der Reiseplanung helfen. Dafür werden derzeit Angebote und Betriebe im Oldenburger Münsterland geprüft.

Melanie Philip hat zwei dicke Ordner, ein Maßband und eine Wasserwaage dabei. Und sie hat einen klaren Auftrag: Sie soll das Industriemuseum in Lohne unter die Lupe nehmen. Wie barrierefrei ist das Reiseziel? „Ein sehr komplexes Gebäude“, weiß Philip von einem ersten Besuch. In vier Stunden, hofft sie, sind mehrere hundert Fragen beantwortet.

Rampe vorhanden

Philip ist Vorsitzende des Vereins VITA Centrum, einer Beratungsstelle für Senioren, Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige. Im Auftrag des Verbundes Oldenburger Münsterland untersucht sie Hotels, Ferienwohnungen, Museen und Freizeitparks. Als Gerontologin ist sie mit dem Thema Barrierefreiheit vertraut. Außerdem wurde sie von der Tourismus Marketing Niedersachsen eigens für diese Aufgabe geschult.

Im Industriemuseum wird sie begleitet von Vivien Ortmann, die beim Verbund Oldenburger Münsterland für den Tourismus in der Region zuständig ist. Ortmann ermutigt die Betriebe, sich zu beteiligen. „Für Menschen mit Behinderung ist es sehr wichtig, vorher zu wissen, was auf sie zukommt.“

Läuft alles wie geplant, dann kann man in einigen Monaten unter www.reisen-fuer-alle.de nachlesen, wie geeignet das Industriemuseum für unterschiedliche Zielgruppen ist, etwa für Menschen mit Geh-, Seh- oder Höreinschränkung. Auch Senioren oder Familien mit Kinderwagen haben die Macher des Portals im Auge.

Einer der Nutznießer könnte Sven Blömer sein. Er leitet eine Selbsthilfegruppe von blinden und sehbehinderten Menschen. Einmal im Monat trifft sich die Gruppe im Industriemuseum. Auf Wunsch von Museumsleiterin Ulrike Hagemeier haben sie bereits vor Monaten all die Dinge aufgelistet, die sie für verbesserungswürdig halten. Blömer selbst hat „einen Tunnelblick – wenn unten was steht, stolpert man“. Beate Adler, ebenfalls sehbehindert, würde sich über einen automatischen Türöffner freuen. Der, glaubt Adler, wäre auch für Besucher mit Rollator eine große Hilfe.

Den Außenbereich des Museums hat Melanie Philip bereits bei einem ersten Besuch überprüft. Und festgestellt, dass es behindertengerechte Parkplätze zwar nicht direkt vor dem Museum gibt, aber in unmittelbarer Nähe, 48 Meter entfernt, um genau zu sein. Auch eine Rampe ist vorhanden, oft sei ja schon die erste Treppe „eine Riesenhürde“.

Nun steht sie im Eingangsbereich des Hauses und mustert die Hinweisschilder aus Plexiglas. Eine weiße Folie dahinter, und man hätte mehr Kontrast – wichtig für Sehbehinderte, sagt Philip. Außerdem hängen die Schilder in einer Höhe von gut zwei Metern, zu hoch, gerade auch für Rollstuhlfahrer. „Man guckt lieber nach unten als nach oben.“ Kleinigkeiten oft, die sich aber schnell und ohne großen Aufwand ändern lassen. Manchmal reicht schon eine größere Schrift.

Mit einem Stapel Bewertungsbögen unter dem Arm nähert sich die 35-Jährige der Ausstellungshalle im Erdgeschoss. Am Eingang findet sie eine Orientierungstafel. Weiße Schrift auf lila Grund, „das ist gut“. Wo aber geht es lang? Es fehlen Wegweiser. „Mit Farbe oder Symbolen könnte man einen Weg durch die Ausstellung vorzeichnen, das wäre praktisch.“ Oder über ein Leitsystem für Blinde nachdenken, zum Beispiel Rillen-platten, die mit Hilfe eines Stocks die Orientierung erleichtern.

Philip holt das Maßband heraus. Die schmalste Stelle im Raum ist 40 Zentimeter breit, zu eng für Rollstuhlfahrer. Dann, bei „Modul 119“, dem Bewertungsbogen für Exponate, großes Stirnrunzeln: Was in aller Welt heißt Exponat? Es gibt Hunderte in diesem Museum. Die kann sie unmöglich alle begutachten, sagt Philip. Vivien Ortmann greift zum Telefon. Die Mitarbeiter beim Deutschen Seminar für Tourismus in Berlin, die müssen es wissen. Dort wird das Projekt koordiniert.

Texttafeln gut lesbar

Nach einer Weile kommt die Antwort: Es geht nur um die wichtigsten Exponate. Sind sie gut erreichbar, auch mit einem Rollstuhl? Und sind die Texttafeln aus Sitzhöhe lesbar? Melanie Philip geht vor einer riesigen Dampfmaschine in die Hocke – und kreuzt „Nein“ an. Die Tafeln sind zu weit weg und spiegeln. QR-Codes wären eine Hilfe, sagt die Prüferin, die könnten Rollstuhlfahrer einscannen und dann auf dem Handy lesen. Oder man holt die Tafeln einfach weiter nach vorn, so wie bei dem Fuldamobil, einem dreirädrigen Kleinwagen – da ist es mustergültig gelöst.

Schnell noch ein paar Fotos, dann geht es mit dem Fahrstuhl in den nächsten Stock. Nicht ohne vorher die Türbreite gemessen zu haben. Auch bei der Treppe ist das Maßband unverzichtbar. Erst zählt Philip die Stufen, dann misst sie deren Höhe. Und macht Kreuze: Ja, die Treppe ist gut ausgeleuchtet. Ja, es gibt einen Handlauf. Nein, die erste und letzte Stufe haben keine „visuell kontrastreiche Kante“.

Kein Betrieb könne alle Kriterien erfüllen, sagt Ortmann. Aber darum gehe es auch nicht. Mindestens genauso wichtig sei die Sensibilisierung. „Erst muss die Barriere im Kopf fallen.“ Denn nur ein Betrieb, der sich öffne, habe die Chance, es besser zu machen. Ortmann und Philip legen großen Wert auf eine gute Beratung. Eines Tages prangt das begehrte Kennzeichen dann vielleicht auch neben der Eingangstür des Industriemuseums.

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