Unglück
Olympiasiegerin erlebt schwerste Runde

Die 27-Jährige will kämpfen – und für andere eine Motivation sein. Emotional schildert sie die dramatischen Momente nach dem Unfall.

Bild: Kästle
Goldene Tränen: Kristina Vogel bei ihrem Olympiasieg 2016Bild: Kästle
Keine Freiartikel mehr in diesem Monat.

Bereits NWZ-Abonnent?

Jetzt anmelden

Noch nicht registriert?

Als Abonnent der Nordwest-Zeitung und des NWZ-ePapers haben Sie den vollen Zugriff nach einmaliger Freischaltung bereits inklusive!

Zugang freischalten

Noch nicht registriert?

Als Abonnent der Nordwest-Zeitung und des NWZ-ePapers haben Sie den vollen Zugriff nach einmaliger Freischaltung bereits inklusive!

Zugang freischalten

Berlin Radfahren, das ist für Kristina Vogel traurige Gewissheit, wird sie nie wieder. Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften, das tägliche Training auf der Bahn – all das, ihr gewohntes Leben, gehört der Vergangenheit an. Es geht nicht anders.

Die 27-Jährige gab im Interview mit dem „Spiegel“ am Freitag ihre Querschnittslähmung bekannt. „Es ist scheiße, das kann man nicht anders sagen. Egal, wie man es verpackt, ich kann nicht mehr laufen“, sagte Vogel: „Aber was soll ich machen? Ich bin immer der Meinung, je schneller man eine neue Situation akzeptiert, desto besser kommt man damit klar.“

Erstmals seit dem verhängnisvollen Trainingsunfall am 26. Juni äußerte sich Vogel öffentlich zu ihrem Gesundheitszustand. Ihr Rückenmark sei am siebten Brustwirbel durchtrennt. „Das heißt ungefähr ab der Brust abwärts. Dann verläuft die Grenze zwischen Gefühl und Taubheit etwas“, erklärte Vogel.

Das Gefühl in ihren Beinen, die sie zweimal zu olympischem Gold und elf WM-Titeln trugen, ist verloren gegangen. „Ich spüre meine Haut, aber es gibt keine Rückkoppelung. Meine Beine spüren die Berührung nicht. Das ist schwer zu beschreiben“, sagte Vogel, die dennoch Glück im Unglück hatte: „Auf den ersten Röntgenbildern sieht meine Wirbelsäule aus wie ein Ikea-Klapptisch. Ich habe großes Glück, dass ich noch lebe und dass ich noch voll funktionsfähige Arme habe. Ich hätte auch gut halsabwärts gelähmt sein können.“

Die Erfurterin war beim Training auf der Betonbahn in Cottbus bei voller Geschwindigkeit mit einem Fahrer kollidiert, der sich ebenfalls auf der Radrennbahn befand.

Emotional und ausführlich schildert Vogel die dramatischen Momente. Sie beschreibt den „ganz, ganz dollen Druck“, den sie plötzlich verspürte, „als wenn mein ganzer Körper angeschwollen wäre“. Und wie sie jemanden mit ihren Schuhen weggehen sah, aber nicht gemerkt hatte, dass sie ihr ausgezogen wurden: „Da war mir sofort klar, das war’s. Jetzt bin ich querschnittsgelähmt, das mit dem Laufen wird nichts mehr.“

Im Unfallkrankenhaus Berlin wurde Vogel in der Folge intensiv betreut. Dies verlief nicht frei von Komplikationen. „Die ersten zwei Wochen habe ich so hart gekämpft wie noch nie. Ums Überleben“, sagte Vogel. Nach einer zweiten Operation habe sie an einer heftigen Lungenentzündung gelitten, habe immer wieder ein paar Tage im künstlichen Koma gelegen.

Kristina Vogel hat im Radsport einen wichtigen Lebensinhalt verloren. Barrieren, die ihr nie ins Auge fielen, stellen sich ihr plötzlich in den Weg. Davon aufhalten lassen will sie sich nicht. „Ich bin noch da und immer noch dieselbe verrückte Nudel. Ich möchte Motivation für andere sein. Egal, was das Schicksal für einen bereithält, das Leben geht weiter, in meinem Fall nun auf vier Rollen statt auf zwei Rädern. Meine Arme sind jetzt halt auch meine Beine“, sagte Vogel.

Ob sie in Zukunft im Paralympischen Sport starten wird, ist unklar. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder in den Leistungssport will und, wenn ja, in welche Disziplin. Diese Frage stellt sich mir aktuell nicht“, sagte Vogel: „Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich nichts, ich kann. Die Situation möchte ich genießen. Im Grunde genommen bin ich zum ersten Mal frei.“

Das könnte Sie auch interessieren