Washington „Absence of evidence is not evidence of absence“: Weil man etwas nicht beweisen kann, bedeutet es nicht, dass es nicht existiert. Auf Englisch klingt der Satz eleganter und Donald Rumsfeld hat Wortkonstruktionen wie diese oft gebraucht. Besonders bekannt wurden Aussagen wie diese im Zusammenhang mit dem Irak und den Massenvernichtungswaffen, mit denen die USA 2003 die Invasion in das Land rechtfertigten, die sie aber nie fanden.

Rumsfeld war als Verteidigungsminister unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush der Chefplaner des Militäreinsatzes, der zu einem Bruch im transatlantischen Verhältnis führte. Nun ist der von Kritikern als Kriegstreiber bezeichnete Politiker im Alter von 88 Jahren gestorben, wie Rumsfelds Familie am Mittwoch (Ortszeit) in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilte.

Rumsfeld wurde am 9. Juli 1932 im Bundesstaat Illinois im Mittleren Westen der USA geboren. Sein Großvater stammte aus Bremen. Nach seinen Jahren als Pilot und Fluglehrer bei der US-Marine kam Rumsfeld 1957 nach Washington, wo er für einen Kongressabgeordneten arbeitete. Mit 30 Jahren wurde der Republikaner selbst ins Repräsentantenhaus gewählt. 1969 schied er aus dem Parlament aus, um unter Präsident Richard Nixon verschiedene Beraterfunktionen auszuüben. Nach einem Jahr als Botschafter bei der Nato in Brüssel kehrte er nach Washington zurück und wurde unter Präsident Gerald Ford von 1975 bis 1977 der jüngste Verteidigungsminister der US-Geschichte.

Unter George W. Bush war er dann ab 2001 der seinerzeit älteste Verteidigungsminister. Rumsfeld setzte sich vehement für den Aufbau einer Raketenabwehr im All ein. Er war es auch, der aus der schwer gepanzerten US-Streitmacht des Kalten Krieges eine hoch mobile Truppe mit High-Tech-Waffen machte.

Am stärksten wird der „Falke“ im Pentagon jedoch wegen des Irakkriegs in Erinnerung bleiben, der mit dem Einmarsch im März 2003 und dem Sturz des damaligen Präsidenten Saddam Hussein begann. Als Chefplaner des Militäreinsatzes geriet Rumsfeld wiederholt heftig in die Kritik und stand mehrere Male vor dem Rücktritt.

Als seinen größten Fehler bezeichnete Rumsfeld in seinen Memoiren, dass er nicht im Mai 2004 als Pentagon-Chef zurückgetreten sei. Kurz zuvor hatte der US-Sender CBS erste Fotos veröffentlicht, die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Wachleute im Gefängnis Abu Ghoreib bei Bagdad zeigten. Symbole des Skandals sind Bilder, auf denen eine US-Soldatin mit einem Gefangenen posiert, der wie ein Tier angeleint ist. Ein anderes Bild zeigt einen Häftling, der offenbar mit Elektroschocks gefoltert wird. Festgehalten wurde auch, wie Insassen sexuell missbraucht und gedemütigt wurden. Mehrere US-Soldaten wurden später angeklagt und verurteilt.

Für die Menschenrechtsverletzungen in US-Haftlagern wie in Abu Ghoreib machte der US-Senat 2008 unter anderem Rumsfeld mitverantwortlich. Die Bush-Regierung hatte stets einen Zusammenhang ihres „Krieges gegen den Terror“ mit den skandalösen Vorgängen bestritten. Rumsfeld haftete zudem der Vorwurf an, 2002 mit der Genehmigung „aggressiver Verhörtechniken“ bei mutmaßlichen Terroristen im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba zu späteren Misshandlungen beigetragen zu haben. Ende 2006 trennte sich Bush von seinem Verteidigungsminister nach einer verheerenden republikanischen Niederlage bei der Kongresswahl.

Bei den europäischen Verbündeten war Rumsfeld wegen seiner Einstufung Deutschlands und Frankreichs als „altes Europa“ berühmt-berüchtigt. Die beiden Länder, die entschieden gegen den Irakkrieg waren, sah er im Gegensatz zu osteuropäischen Staaten wie Polen, Ungarn oder Tschechien, die sich unter den rund 40 Ländern der „Koalition der Willigen“ einreihten.

Gut vier Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt rechnete Rumsfeld mit den einstigen Irakkriegsgegnern Gerhard Schröder und Jacques Chirac ab. In seinen Memoiren lastete er dem damaligen deutschen Bundeskanzler und dem französischen Ex-Präsidenten an, mit ihrer Opposition die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Androhung einer Militäraktion untergraben zu haben.

Rumsfeld sagte über sich, er sei „maßvoll“. Doch Mitarbeiter und auch Offiziere soll er wegen seines selbstherrlichen und oft rüden Umgangstons vor den Kopf gestoßen haben. Der ehemalige US-Präsident George H. W. Bush hat Rumsfeld als einen „arroganten Kerl“ bezeichnet, der Ansichten anderer übergehe und seinem Sohn als Präsidenten „schlecht gedient“ habe. In einer Dokumentation des US-Regisseurs Errol Morris kommt Rumsfeld selbstherrlich und arrogant rüber. In den Gesprächen mit dem Regisseur wollte Rumsfeld nicht nur nichts hinterfragen, er lächelte auch jeden Zweifel, jede Nachfrage mit einem breiten Grinsen weg.

In seiner langen Karriere - nach der er in die Privatwirtschaft wechselte - hat Rumsfeld viele Gespräche und Gedanken schriftlich festgehalten. Der Titel der Dokumentation „The Unknown Known“ (2013) ist angelehnt an einen seiner berühmtesten Aussprüche in einer Pressekonferenz, wo es ebenfalls um Beweise für Massenvernichtungswaffen ging. Errol beschrieb Rumsfeld als Mensch, der sich selbst getäuscht habe. Mit einer Obsession mit Wörtern und Definitionen habe Rumsfeld andere Menschen und auch sich selbst manipuliert, sagte er. „Meine Interpretation ist: Rumsfeld hat sich in einem Meer aus Worten verloren.“

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