Washington Es war die Verzweiflung über seinen Jobverlust angesichts der Coronavirus-Krise, die den 38-jährgen Roderick Bliss in einer Kleinstadt nahe Philadelphia zu einer Bluttat trieb. Letzte Woche schoß Bliss seiner Lebensgefährtin viermal in den Rücken, nachdem er ihr gesagt hatte: „Ich muss dies tun, ich bin mit Gott im Reinen“. Danach richtete sich der Schütze selbst.

Die Frau überlebte die Verzweiflungstat, die nach Ansicht der Behörden nur ein Beispiel von vielen für die dramatischen Alltags-Auswirkungen der Pandemie im Land ist. Allein in den letzten zwei Wochen beantragten zehn Millionen US-Bürger Arbeitslosenhilfe, und Wirtschaftsexperten sehen bereits eine tiefe Rezession als unvermeidbar an.

Gleichzeitig breitet sich die Infektionswelle weiter aus: Bis Samstag verzeichneten die Statistiken über 300 000 positiv getestete Menschen, mehr als 8300 Bürger verloren bisher durch das Virus ihr Leben. Und Präsident Donald Trump, der jetzt das Militär für Hilfen mobilisieren will, warnte am Samstag: Es werde in den nächsten zwei Wochen „noch viele Tote geben“.

Schon jetzt wird das kürzlich in Windeseile vom Kongress und Trump verabschiedete gigantische Hilfspaket von 2,2 Billionen US-Dollar für völlig unzureichend angesehen. Jeder Bürger, der 2019 oder dieses Jahr eine Steuererklärung abgab und nicht mehr als 75.000 Dollar brutto verdiente, soll demnächst einmalig 1200 Dollar bekommen, für jedes Kind gibt es noch einmal 500 Dollar extra.

Doch für Nathalie Prieur aus Dallas und Millionen andere Menschen ist dies nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie sei bereits mit der Miete und dem Autodarlehen in Rückstand, sagt die 42-Jährige die kürzlich ihren Teilzeitjob verlor. Für sie geht es nun ums nackte Überleben und darum, nicht auf der Straße zu enden. Ein Freund habe ihr kürzlich ausgeholfen, damit sie überhaupt Lebensmittel bestellen konnte, denn das Risiko eines Besuchs im Supermarkt kann sie wegen einer Immunschwäche-Krankheit nicht eingehen.

„Der Kühlschrank ist so gut wie leer“, sagt sie. Auch bei den „Food banks“ – den örtlichen Hilfs-Stellen, wo Sozialschwache kostenlos Konserven, Reis, Spaghetti oder Getränke und Babynahrung erhalten können – sind die Regale derzeit meist leer. Und wer Unterstützung beantragen will, sieht sich quer durch die USA mit überlasteten und gestörten Webseiten der Ämter und Telefonen konfrontiert, bei denen niemand abhebt.

Ein Teil der tief in die Krise geratenen Unternehmen hat derweil die Entlassung der nicht mehr benötigten Mitarbeiter vereinfacht. So erhielten jetzt rund 1000 Angestellte einer Restaurantkette aus San Antonio in Texas ihre sofortige Kündigung durch eine simple Postkarte ins Haus geschickt. Lediglich Sozialleistungen sollen noch vier Wochen weitergezahlt werden, dann seien die Köche, Manager und Bedienungen auf sich selbst gestellt, heißt es auf der Karte. Kündigungsschutzrechte gibt es in den USA so gut wie keine.

Eine Umfrage unter 7000 Mietern in New York Ende März ergab jetzt, dass 54 Prozent von ihnen angaben, ihren Arbeitsplatz in den vergangenen Wochen verloren zu haben. Die meisten haben vor, die Miete nicht mehr zu zahlen. Hinzu kommt, dass in den USA ein Drittel der Bürger so gut wie keine Rücklagen für Notfälle hat und von einem Lohntag zum anderen lebt.

Das Coronavirus hat nun diese Schattenseite der US- Gesellschaft und den Mangel an sozialer Absicherung schonungslos bloßgestellt. Die Arbeitslosenrate, die im Februar noch mit 3,5 Prozent auf dem tiefsten Stand seit 50 Jahren lag, könnte nun – so fürchtete es kürzlich Finanzminister Steven Mnuchin – auf bis zu 23 Prozent ansteigen. Eine Zentralbank-Studie geht sogar von 32 Prozent aus.

Einige Unternehmen versuchen deshalb mit Improvisation und wachsender Verzweiflung, über die Runden zu kommen. Im New Yorker Gourmet-Restaurant „Eleven Madison Park“, das vor kurzem wie alle Gaststätten der Stadt schließen mußte, brutzeln wieder die Pfannen. Die stark verringerte Belegschaft kocht täglich nun mit einer Sondergenehmigung 2000 Mahlzeiten für Krankenhausmitarbeiter und Bedürftige, finanziert von einigen Großkonzernen und Spenden.

Friedemann Diederichs Korrespondentenbüro Washington
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