Berlin Die Spuren der turbulenten Nacht liegen im Papierkorb im Hausflur: rot-weißes Flatterband und mehrere Paar Einmalhandschuhe. Das ist das einzige, was am Donnerstag darauf hinweist, dass in diesem Berliner Altbau in der Nacht ein mutmaßlicher IS-Terrorist festgenommen wurde - gerade einmal drei Wochen nach der Verhaftung des Syrers Dschaber al-Bakr in Leipzig, der ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben soll und sich in seiner Gefängniszelle erhängte.

Plante auch der in Berlin Festgenommene einen Anschlag?

Die Behörden hatten einen Hinweis auf einen möglicherweise zeitnah bevorstehenden Anschlag. Deshalb griffen sie am Mittwochabend zu. Was für eine Art Attentat es sein könnte, wird untersucht. Anders als im Fall Al-Bakr wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen zunächst kein Sprengstoff gefunden. Der Mann könnte aber einen ähnlichen Anschlag geplant haben, wie ein 17-Jähriger Flüchtling im Sommer in Würzburg. Er hatte mit einer Axt in einem Zug mehrere Menschen schwer verletzt.

Wie wird der Fall in Sicherheitskreisen eingeschätzt?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte am Donnerstag: „Das war ein wichtiger Fall.“ Der Mann sei schon länger vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet worden. In Sicherheitskreisen hieß es, man könne aber wohl nicht von einem zweiten Fall Al-Bakr sprechen.

Gibt es denn irgendeinen Zusammenhang zum Al-Bakr?

Direkt zusammengearbeitet haben die beiden wohl nicht. Berlins Verfassungsschutz-Chef Bernd Palenda sagte: „Es scheint zumindest so zu sein, dass es keine direkte Verbindung zu Al-Bakr gibt.“ Für eine abschließende Bewertung sei es aber zu früh. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass der in Berlin Festgenommene ein Einzeltäter ist. „Aber in der Szene gibt es immer Verbindungen untereinander“, warnte Palenda.

Reagieren die Behörden seit dem Fall Al-Bakr anders?

Sie sind vor diesem Hintergrund jetzt auf jeden Fall sensibler. Bei Hinweisen handeln sie schneller. Der Zugriff am Mittwochabend sei nötig gewesen, da Gefahr im Verzug gewesen sei, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur. Der Hinweis auf eine eventuell bevorstehende Umsetzung von Anschlagspläne habe den Polizeieinsatz ausgelöst.

Wie kam man dem Verdächtigen aus die Spur?

Ein befreundeter Sicherheitsdienst gab Sicherheitskreisen zufolge bereits Mitte Oktober einen nicht sehr konkreten Hinweis auf den Mann. Daraufhin wurde er überwacht und abgehört. Bis zuletzt sei aus der Kommunikation aber nicht hervorgegangen, mit welchen Mitteln ein Attentat verübt werden sollte. Das soll nun auch durch die Auswertung von Handys und Computern geklärt werden.

Was weiß man über den Mann?

Laut Polizei behauptet er, 27 Jahre alt, Syrer und seit 2015 in Deutschland zu sein. Sicherheitskreisen zufolge hat sich der Mann, der den Namen Ashraf Al-T. nutzte, als Kriegsflüchtling aus Syrien ausgegeben. Er sei in Tunesien geboren und habe in Berlin bei einem ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer gelebt. Die durchsuchte Wohnung liegt im Hinterhaus eines gepflegten Altbaus, in dem viele Familien mit Kindern wohnen. Ob sich Ashraf Al-T. selbst radikalisierte und welche Kontakte zu IS-Führungspersonal in Syrien er hatte, ist unklar.

Wie groß ist die Terrorgefahr in Deutschland?

Die Terrormiliz Islamischer Staat ruft seit längerem auch in Deutschland zu Attentaten etwa mit Messern, Autos oder Lastwagen auf, falls Sympathisanten keinen Sprengstoff besorgen könnten. Der Berliner Verfassungsschutz stuft die Sicherheitslage nach der Festnahme nicht anders ein als zuvor. Seit Monaten geht man von einer „abstrakt hohen Gefährdung“ aus.

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