Es war das Jahr der härtesten Prüfung für die Bundesrepublik Deutschland. In nie gekanntem Ausmaß hatten Linksterroristen den Rechtsstaat herausgefordert. Mit einer Serie von Mordanschlägen und Entführungen hatten die Mitglieder der „Roten Armee Fraktion“ das Land im Jahr 1977 überzogen.

Die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback machte im April 1977 den Anfang, es folgten die Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto, ein gescheiterter Raketenanschlag auf die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe, die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer – und als könne Terror furchtbarsten Ausmaßes nicht noch gesteigert werden – die Entführung der Lufthansa-Boeing „Landshut“. Das Ziel der Terroristen: Freipressung der inhaftierten Terroristen um Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Für die Terroristen endete die Attacke mit einer Niederlage: Die Geiseln in der „Landshut“ wurden in Mogadischu befreit, die Flugzeugentführer getötet beziehungsweise verletzt, die Inhaftierten begingen Suizid. Ermordet wurde freilich auch der entführte Hanns Martin Schleyer, schlimmste Prüfung für die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD), die den Terroristen nicht nachgeben wollte. Das alles schildert Autor und Terrorismus-Experte Butz Peters in seinem neuen Sachbuch über den Deutschen Herbst 1977, der wie kaum ein anderes Ereignis die damalige Bundesrepublik prägte. „1977 – RAF gegen Bundesrepublik“ heißt das neue Buch, das auf 576 Seiten ein Kapitel deutscher Geschichte in Erinnerung ruft.

Peters, der bereits mit „Tödlicher Irrtum – Die Geschichte der RAF“ 2004 ein grundlegendes Werk zum Verständnis des Linksterrorismus veröffentlicht hatte, konnte für sein neues Buch bislang nicht zugängliches (weil gesperrtes) Aktenmaterial auswerten, außerdem den vorerst letzten großen Strafprozess der RAF-Ära, den Prozess gegen die Terroristin Verena Becker im Jahr 2010 wegen der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Peters hat Erklärungen von RAF-Terroristen, Aussteigern, Ermittlungsakten, Gespräche mit Zeitzeugen, aber auch Kassiber und mitgeschnittene Telefongespräche ausgewertet. Herausgekommen ist trotz der Materialfülle ein aufschlussreiches Buch über den Deutschen Herbst, das sich trotz aller Traurigkeit und Beklemmung, die einen überkommt, über weite Passagen spannend wie ein Roman liest.

Nur dass nicht der Bestsellerautor Peters die dramaturgische Regie übernahm, sondern die RAF. Lesenswert ist auch die Rückschau, was aus den Hauptakteuren um Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt wurde, und vor allem das hochinteressante Kapitel über das Abtauchen von RAF-Terroristen in der DDR (und ihre spätere Enttarnung).

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