Von klaus bölling

Traurig, bitter traurig, die SPD liegt auf der Intensivstation. Entweder hört die Patientin den Arzt sagen: „Sieht gut aus. Ich schicke Sie schon bald in die Reha.“ Oder sie vernimmt den Mediziner mit den Worten: „Wir haben alles getan." Nein, die „alte Tante“ SPD, obwohl schwer erkrankt, ist nicht todgeweiht. Mit der Reha wird es jedoch nicht leicht werden.

Einst gab es in der Partei das mittlerweile verdämmerte „Wir-Gefühl“. Ob es nach diesem Höllensturz zurückkehrt? Darauf wird niemand schwören wollen. Wenn sich im Vorfeld des Parteitages einige Spitzengenossen verabredet haben, den künftigen Oppositionsführer Frank-Walter Steinmeier zu einer mehr oder minder engen Tuchfühlung mit der Lafontaine-Partei zu drängen, droht neues Unheil. Die pragmatisch denkenden Sozialdemokraten wissen, dass man die Wähler, die zu Hause geblieben oder scharenweise zu „Oskar“ übergelaufen sind, unbedingt wiedergewinnen muss. Doch um welchen Preis? Ein Kniefall vor Lafontaine wäre die Selbstaufgabe der SPD. Wenn es so kommt, dass Andrea Nahles, gemeinsam mit der von einigen Genossen in NRW als führungsschwach beäugten Hannelore Kraft und Klaus Wowereit, von dem keiner so recht weiß, was für eine Art Sozialdemokrat er eigentlich ist, wenn diese drei zu stellvertretenden Parteivorsitzenden aufrücken sollten, könnte Steinmeier im Bundestag bald zum

Schwachmeier werden. Am Gängelband der Nahles-Truppe kann er in der Auseinandersetzung mit der geballten Macht der Merkel-Westerwelle-Mannschaft im Bundestag keine Autorität aufbauen. Das weiß er. Er ist, auch wenn er das nicht laut sagt, ein „Schmidtianer“ und ganz nahe bei Steinbrück.

Nun soll Sigmar Gabriel an die Spitze der Partei rücken. Früher neigte der zu Ausflügen ins Populistische. Vergleiche mit bedeutenden Parteiführern wie Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel, ja auch mit Oskar Lafontaine, sollte man jetzt gar nicht erst anstellen. Der studierte Lehrer aus Niedersachsen ist ein Kraftpaket und von scharfer Intelligenz. Bei einer Talkrunde vor der Wahl konnte er, für alle erkennbar, Lafontaine ins Aus argumentieren.

Er weiß genau, dass nach einem richtigen Linksruck wirklich niemand mehr die SPD als Volkspartei ernst nehmen würde. Der Thüringer SPD-Chef Matschie hat das begriffen und mutig gegen die linkshungrigen Parteifreunde für eine Große Koalition in Erfurt entschieden. Gabriel sollte ihm dankbar sein.

Bitte nicht vergessen: Gabriel ist im Hebräischen die Gestalt, die den Menschen die göttliche Botschaft überbringt, zugleich, wie allgemein bekannt, der Straf- und Todesengel. Der irdische Gabriel wird sich zwischen den beiden Rollen des Erzengels positionieren müssen.

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