Von klaus bölling

Ex-Vizekanzler Frank Walter Steinmeier ist trotz jahrelanger Gewohnheit nicht auf den Stuhl neben der Kanzlerin zugesteuert. Kein Flüstern mehr mit der Frau Nachbarin, kein kleiner Scherz mehr. Die SPD drückt die Oppositionsbänke. Ist Opposition Mist, wie Franz Müntefering gesagt hat? So darf Steinmeier nicht an die Rolle des Oppositionsführers herangehen. Nicht als Griesgram, sondern als Kämpfer. Einer, der die jetzt schon erkennbaren Schwächen der Regierung Merkel mit Sachkenntnis und wirkungsvoll offenlegt.

In zwei Wochen wird sich die SPD eine neue Führungsmannschaft wählen. Eigentlich gibt es nicht viel zu wählen. Der mit scharfer Intelligenz gerüstete Sigmar Gabriel tritt in die Reihe einiger Schwergewichte wie Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel. Andrea Nahles soll Generalsekretärin werden. Das ist, noch nicht vergessen, die Frau, die seinerzeit Franz Müntefering als Vorsitzenden wegintrigiert hat. Sie wird die Weichen im Willy-Brandt-Haus, zunächst jedenfalls, eher vorsichtig stellen.

Längst nicht alle Sozialdemokraten sind besonders glücklich darüber, dass der designierte Parteichef Gabriel die Lage der SPD als katastrophal bezeichnet und einen Aufstieg aus dem Tiefparterre „wohl eher für die nach uns kommenden Generationen“ prognostiziert hat. Das klang in den Ohren der Genossen schon recht kleinmütig, wenn nicht gar defätistisch. Gabriel will von der Partei nicht als Wunderheiler gesehen werden. Mag gut sein, dass er, wie auch die Älteren, an die Prophezeiung von Herbert Wehner am Ende der Dienstfahrt von Helmut Schmidt gedacht hat: Jetzt werde es wohl dreizehn Jahre dauern, bis man vielleicht wieder auf der Regierungsbank Platz nehmen könne. Das muss sich nicht wiederholen.

Die Allensbacher Meinungsforscher haben herausgefragt, dass eine Mehrheit der Deutschen zwar wenig Mitleid für die SPD empfindet und die Partei immer noch für zerstritten hält, dass diese Mehrheit allerdings Themen wie Chancengleichheit, gerechte Löhne, auskömmliche Renten und die alles überragende Frage der sozialen Gerechtigkeit immer noch mit der alten Tante SPD verbindet. Werden diese Themen von der SPD zurückerobert, braucht es vielleicht nicht Wehners dreizehn Jahre, schon gar nicht Generationen. Der Start der Regierung war nicht himmelhochjauchzend. Wenn im Mai in NRW zu wählen ist, wird es vermutlich noch kein Wonnemonat für die SPD sein. Bis dahin allerdings muss die neue Führung alle Flügelkämpfe beendet haben. Sie muss die Wähler überzeugen, dass die Sozialdemokratie nur ein Stück weit links von der Mitte angesiedelt ist und dass sie sich bestimmt nicht bei dem untreuen Oskar Lafontaine anbiedern wird.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.