Rom Carola Rackete steigt aus einem Auto, sie sagt kein Wort, sieht konzentriert aus. Ein Polizist mit Sonnenbrille empfängt die Frau mit den langen Dreadlocks, an der sich gerade die Geister scheiden. Mit einem grauen Schiff der Finanzpolizei fährt die deutsche Kapitänin von Lampedusa zum Ermittlungsrichter. Ironie des Schicksals: Es ist eines jener Schiffe, das sie vor einigen Tagen an der Einfahrt in den Hafen von Lampedusa hindern wollte.

Rackete fuhr dennoch mit 40 Migranten an Bord der „Sea-Watch 3“ los und wurde festgenommen. Für viele ist sie nun die „Kapitänin der Herzen“. Sogar das deutsche Staatsoberhaupt, Präsident Frank-Walter Steinmeier, setzt sich für die 31-Jährige ein, die im niedersächsischen Hambühren aufgewachsen ist und an der Jade-Hochschule Elsfleth Nautik studiert hat. Minister der Bundesregierung fordern ihre Freilassung und kritisieren Roms populistische Regierung. Italienische Medien sehen eine diplomatische Krise und „Eiszeit“ zwischen Deutschland und Italien heraufziehen. Racketes Fans haben mehr als eine Million Euro für Sea-Watch gespendet.

Dort, wo die EU-Länder – eingeschlossen Deutschland – sich seit Jahren politisch entzweien, muss nun die Justiz entscheiden. An einem Richter in der sizilianischen Stadt Agrigent hängt nicht nur das Schicksal Racketes. Er bestimmt gewissermaßen auch Europas Migrationspolitik.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Deutschen Widerstand gegen ein Militärschiff und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vor. Die Hilfsorganisation sieht sich jedoch im Recht. Sie sagt, jedes Rettungsschiff müsse den nächsten sicheren Hafen ansteuern – und das war im letzten Fall Lampedusa.

Doch Italien ist nicht zur Aufnahme von Migranten verpflichtet. Wenige Tage vor der unerlaubten Einfahrt der „Sea-Watch 3“ hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einen Antrag der Organisation abgewiesen, in Italien anlegen zu dürfen. „Es gibt keine seerechtliche Regelung, wie jetzt zu verfahren ist. Es ist nicht eindeutig so, dass Italien die Flüchtlinge aufnehmen müsste“, sagte der Seerechtsexperte von der Uni Hamburg, Valentin Schatz.

Zwar gibt Italiens rechtspopulistischer Innenminister Matteo Salvini gern an, dass er die Ankünfte in Italien weitestgehend gestoppt hat. Doch unbemerkt von den Medien kommen kontinuierlich Migranten an. Sie landen mit kleinen „Geisterbooten“ auf Lampedusa oder werden von der italienischen Küstenwache geleitet. Allein in den letzten Tagen sollen es fast 300 Migranten gewesen sein.

„Heute Nacht die x-te Anlandung und kein Aufschrei“, kommentierte Lampedusas Ex-Bürgermeisterin Giusi Nicolini eine weitere Ankunft auf der Insel. „Warum sind da die 40 Geretteten der ,Sea-Watch‘ gefährlich für die Staatssicherheit?“

Vor allem an den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) entzündet sich die politische Debatte. Weil sie in der Rhetorik von Rechtspopulisten wie Salvini gut als Gegenspieler funktionieren. Er nennt Rackete „eine Kriminelle“ und betont, Italien wolle nicht „die Müllhalde Europas“ werden. Salvini erfährt von den Italienern deshalb sehr viel Zuspruch.

Die NGOs positionieren sich selbst – gewollt oder ungewollt – als politische Gegner. Rackete muss klar gewesen sein, dass sie mit ihrer Entscheidung, das Verbot der italienischen Regierung zu ignorieren, Salvini Auftrieb gibt. Für ihn ist es der endgültige Beweis, dass Seenotretter kriminell sind. Rackete jedoch sagt, sie war durch Suiziddrohungen der Migranten an Bord gezwungen, die Menschen an Land zu bringen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

NWZONLINE-NEWSLETTER

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten.
Meine E-Mail wird nur zu diesem Zweck verwendet.
Einwilligung jederzeit wider­rufbar, Abmeldelink in jeder E-Mail. Die Datenschutz­erklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.