Eine unglaubliche Geschichte ist es, die der ehemalige Boxer Sim Kessel erzählt. Als Mitglied der Resistance im von Deutschen besetzten Frankreich 1942 verhaftet, wurde er in französischen Gefängnissen gefoltert und verhört, schließlich im Juli 1943 nach Auschwitz deportiert. In verschiedenen Konzentrationslagern verbrachte Kessel 23 Monate, bis er schließlich im Mai 1945 im österreichischen Lager Gusen befreit wurde.

So weit liest es sich wie eine furchtbare Leidensgeschichte, die immerhin mit seiner Befreiung endete. Kessel wurde jedoch nach einem Fluchtversuch zum Tode verurteilt und sollte gehängt werden. Der Strick riss, Kessel stürzte zu Boden. Schwer verletzt wurde er in den „Bunker“, die Arrestzelle, gebracht. „Der Tod hat mich nicht gewollt“, kommentiert er in seinen Erinnerungen. Der Kapo, ebenfalls ein ehemaliger Boxer, verschaffte ihm andere Kleider und ließ ihn gehen. Ein anderer Toter wurde als Kessel ausgegeben.

Die Leidensgeschichte des Resistance-Kämpfers ging aber noch weiter mit der Evakuierung des Vernichtungslagers Auschwitz, die Kessel über Mauthausen schließlich nach Gusen führte.
Warum erscheint eine solche Lebensgeschichte erst 73 Jahre nach Kriegsende und 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung in Frankreich? Kessel selbst hatte seine Geschichte 1969, 25 Jahre nach seiner Exekution in Auschwitz, in Frankreich unter dem Titel „Pendu à Auschwitz“ (Gehängt in Auschwitz) veröffentlicht. Er habe geglaubt dass ihm niemand glauben werde, hatte er zur Begründung für sein Zögern genannt.

In der Tat ist es harte Kost, die dem Leser vorgesetzt wird. Kessel schildert seine Haft- und Lagerzeit in nüchternen Worten und spart auch kein Detail über die Bedingungen des Lagersystems aus. Das müssen wir angesichts der beschönigenden Memoiren von deutschen Nazi-Tätern und Wehrmachtsoffizieren, die im Deutschland der Nachkriegsjahre zuhauf grassierten, aushalten. Kessels Geschichte ist ein Fanal gegen totalitäre Regime. Als Zeugnis eines Lagerüberlebenden ist es zudem eine historische Quelle. Dank des kleinen Verlags Edition Crieur Public (was man mit öffentlicher Ausrufer übersetzen könnte) können wir erstmals Sim Kessels Geschichte auf Deutsch lesen.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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