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urt Hans Biedenkopf galt als großes Talent und musste als Politiker doch schwere Niederlagen einstecken. Die Sachsen, die ihn nach 1990 wie ihren König verehrten, verschafften ihm für zwölf Jahre Genugtuung. Wegen des großen Andrangs von Gästen, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), muss seine 90. Geburtstagsfeier am Dienstag aus dem Dresdner Albertinum in die Frauenkirche verlegt werden.

Der Jurist und Ökonom, der in Deutschland und in den USA studiert hatte, stieg akademisch, wirtschaftlich und politisch schnell auf. An der Ruhr-Universität Bochum wurde er mit 37 Jahren jüngster Universitätsrektor Deutschlands, just zur Zeit der 68er Studentenrevolte, dann Geschäftsführer bei Henkel, mit 43 Generalsekretär der CDU Deutschlands.

Für den Politiker, der 1984 sogar als EU-Kommissionspräsident im Gespräch war, begannen Ende der 70er Jahre die Turbulenzen. Mit dem Zerwürfnis mit Helmut Kohl (CDU), einer verlorenen Landtagswahl gegen Johannes Rau (SPD) und dem Ende des CDU-Vorsitzes in Nordrhein-Westfalen schien sich sein Stern zu neigen. Als ihn 1990 der Ruf einiger Bürgerbewegter nach Sachsen ereilte, war er nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter.

Vom „König Kurt“ der Jahre 1990 bis 2002 spricht heute allerdings kaum noch jemand. Die vermeintlich „goldenen Jahre“ nach der Wiedervereinigung werden heute in Sachsen sehr viel kritischer gesehen. Das gilt auch für die Rolle Biedenkopfs. Man hält ihm nach wie vor die Rettung einiger industrieller Kerne zugute. Allerdings erinnern sich viele Sachsen auch mit Grausen an das patriarchalische, eitle und zu Zeiten regelrecht anmaßende Verhalten ihres ehemaligen Ministerpräsidenten. Bei Ikea wollte er Rabatt, wer seine Protektion genoss, konnte in Sachsen auf handfeste Vorteile hoffen. Kritik ließ der Professor nicht gelten.

Zu seinem nicht ungetrübten Andenken in Sachsen trug auch die Rolle seiner Frau Ingrid bei, die sich als „Landesmutter“ gerierte. Bis heute unvergessen ist ihr Halbsatz: „Seitdem wir Ministerpräsident sind...“ 2002 gab Biedenkopf schließlich auf – mitten in der Legislaturperiode.

Als Kommentator für die Medien ist der „Professor“ aber nach wie vor gefragt. Er genießt es sichtlich, Menschen die Welt zu erklären. Lieblingsthemen: Mitbestimmung, Rentensystem und Wachstumskrise. Das Anwesen am Chiemsee haben die Biedenkopfs 2018 aufgegeben. Wenn Biedenkopf am Dienstag seinen 90. Geburtstag in Dresden begeht, ist die Kanzlerin dabei. Die Konrad-Adenauer-Stiftung feiert dann 30 Jahre friedliche Revolution, die Neugründung Sachsens sowie Biedenkopfs Ehrentag.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
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