Ende Juni 2020 war Wolfgang Clement schon erschreckend schmal und wacklig auf den Beinen geworden. Er sei schwer krank und wolle keine Interviews, hatte er gesagt. Aber dann ließ er sich doch noch umstimmen. Und nun saß er im Wohnzimmer seines Bonner Bungalows und sagte diesen Satz: „Ich habe einfach viel Glück gehabt im Leben.“ Am frühen Sonntagmorgen ist der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und frühere Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister nun im Alter von 80 Jahren in eben diesem Haus im Kreise seiner Familie um seine Frau Karin und seine fünf Töchter „friedlich in seinem Bett eingeschlafen“.

Clement wurde am 7. Juli 1940 in Bochum als Sohn eines Baumeisters geboren. Weil sein Vater es wollte, studierte er Jura, wurde dann aber Journalist. Er kontaktierte alle möglichen Zeitungen, doch nur der Lokalchef der „Westfälischen Rundschau“ antwortete. Dort fing er an, und später wurde dieser Lokalchef Chefredakteur und machte ihn zum Stellvertreter. „Dieser Mann war der erste große Glücksfall meines Lebens.“

Der nächste hieß Hans-Jürgen Wischnewski, ein SPD-Urgestein. „Er hat mich auch im Namen Willy Brandts gefragt, ob ich Sprecher der SPD werden wollte.“ Das war 1981. Clement rief daraufhin den SPD-Landesvorsitzenden und NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau an und fragte, ob er mal zu ihm kommen dürfe. „Kommen Sie“, sagte der. „Und so habe ich Johannes Rau kennengelernt.“

1989 holte ihn Rau als Chef der Staatskanzlei nach Düsseldorf. Im Laufe der Jahre wurde er öffentlich zunehmend als Kronprinz des NRW-Landesvaters charakterisiert, wobei er selbst betont, dass er ursprünglich gar nicht Ministerpräsident habe werden wollen.

1998 wurde Clement schließlich selbst Ministerpräsident. Vier Jahre später kam der Ruf aus Berlin: Bundeskanzler Gerhard Schröder bekniete ihn, als kombinierter „Superminister“ für Wirtschaft und Arbeit in das rot-grüne Kabinett einzutreten.

Die Reformagenda 2010, die er wesentlich mit umsetzte, gilt heute als seine herausragende politische Leistung. Allerdings begann damit auch seine Entfremdung von der SPD, die 2008 mit seinem Parteiaustritt endete.

Clement wurde von Peer Steinbrück, seinem Nachfolger als Ministerpräsident, einmal als „Alpha-Alpha-Wolf“ bezeichnet. Zeitlebens war er als Macher bekannt. Am Ende war auch er ein zerbrechlicher Mensch, aber er verlor nicht viele Worte darüber. Am Stock begleitete er seine Gäste vors Haus. „Machen Sie’s gut“, sagte er. Dann drehte er sich um und verschwand langsam.

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