„O

rgel-Ratz“ nannten sie ihn im Seminar. Denn im Gegensatz zu Bruder Joseph („Bücher-Ratz“) hatte es Georg Ratzinger die Musik noch mehr angetan als die Theologie. Am Mittwoch ist der frühere Regensburger Domkapellmeister im Alter von 96 Jahren gestorben.

Die Wehwehchen des Alters seien natürlich spürbar, gab Georg Ratzinger stets zu, wurde er nach seinem Befinden gefragt. „Aber der Kopf funktioniert einwandfrei.“ Man musste ihm nur ein Stichwort geben, schon fiel dem früheren Regensburger Domkapellmeister eine Anekdote ein. Aus seinem Leben oder aus dem seines kleinen Bruders, der 2005 zum Papst gewählt und damit zu Benedikt XVI. wurde. Der für ihn aber weiter einfach „der Joseph“ blieb. Benedikt war am 18. Juni überraschend zu seinem älteren Bruder mit kleinem Gefolge nach Regensburg gereist, um ihm noch einmal nahe zu sein.

Der am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen bei Altötting geborene Georg war das zweite Kind des Gendarmen Joseph und seiner Frau Maria. Viel verband ihn mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder. Beide schlugen die Priesterlaufbahn ein. Als Domkapellmeister bestritt Ratzinger später mit den Regensburger Domspatzen zwischen 1964 und 1994 über 1000 Konzerte im In- und Ausland. Dadurch mehrte sich der internationale Ruf des Knabenchores mit seiner mehr als 1000-jährigen Tradition.

An Ratzingers Selbstdisziplin erinnern sich frühere Schützlinge noch heute. Legendär sind auch seine Wutausbrüche. Der 2017 veröffentlichte Abschlussbericht zur Aufklärung von Missbrauch und Gewalt bei der Erziehung der Domspatzen bescheinigte den Verantwortlichen, dass das ganze System einschließlich der Ära Ratzinger auf den Erfolg des Chores ausgelegt gewesen sei. Mit einem „Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit“ sollte der Wille der Schüler gebrochen und ihnen ihre Persönlichkeit genommen werden.

Ratzinger persönlich musste sich vor allem vorwerfen lassen, weggeschaut zu haben und trotz Kenntnis von Gewaltvorfällen nicht eingeschritten zu sein. Eigene Verfehlungen wie Ohrfeigen während der Chorproben hatte er schon 2010 in einem Interview eingeräumt und angegeben, dabei stets ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben.

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