VATIKAN Benedikt XVI. steht vor einer heiklen Reise, dem ersten Staatsbesuch eines Papstes in Großbritannien. Papst-Gegner planen Demos, und noch lastet der Missbrauchsskandal schwer auf der Kirche. Vier Fünftel der Briten lässt sein anstehender Besuch schlichtweg kalt.

Es ist der erste Staatsbesuch eines Papstes in Großbritannien, und nach der Pastoralvisite von Johannes Paul II. von 1982 der zweite überhaupt. Benedikt XVI. reist am nächsten Donnerstag auf Einladung von Königin Elizabeth II. für vier Tage nach Schottland und England. Es wird sein wichtigster Auslandsaufenthalt des Jahres.

Und auch der problematischste: Denn von der Insel kommt Gegenwind. Erst wollten Anwälte Benedikt wegen des Missbrauchsskandals bei der Ankunft am liebsten verhaften, dann gab es Kritik an den Kosten der Reise. Papst-Gegner planen Demonstrationen, und das Fernsehen empfängt ihn mit einer kritischen Dokumentation.

Doch der deutsche Papst, der im sechsten Jahr seines Pontifikats ist, freut sich auf die 17. internationale Reise als Kirchenoberhaupt aus Rom. Dabei steht dem 83-jährigen Joseph Ratzinger bis zum Sonntag ein ziemlich dichtes Programm bevor: Jeweils zwei Etappen in Schottland und England – nicht weniger als 13 Ansprachen. Drei große Messen in Glasgow, London und Birmingham, die letzte mit der Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman. Das alles ist kein Pappenstiel.

„Ich kann meine Reise kaum erwarten, und schicke herzliche Grüße an das Volk von Großbritannien“, sagte Benedikt noch von seinem Sommersitz Castel Gandolfo aus. Und er dankte der Queen schon mal, die ihn in ihrem schottischen Palast Holyrood empfängt.

Der Jesuitenpater Federico Lombardi, Sprecher des Vatikans, hat es so formuliert: „Zu wünschen ist, dass wir vermitteln können, was die Kirche positiv und wesentlich in eine moderne, pluralistische und dabei auch säkulare Gesellschaft einbringt.“ Damit das kein frommer Wunsch bleibt, muss Benedikt schon auf den Punkt kommen, wozu es doch Gelegenheiten genug geben wird: Da ist das problematische Verhältnis des Vatikans zur Anglikanischen Kirche und das überaus dunkle Kapitel des Missbrauchsskandals hinter kirchlichen Mauern. Und dazu aktuelle Fragen der Sterbehilfe oder der rechtlichen Stellung Homosexueller.

Benedikt wird unter anderem dort reden, wo jeder reden darf – im Hyde Park. Zehntausende Gläubige aus aller Welt werden ihm in der Multi-Kulti-Stadt London zujubeln. Der britischen Tradition der offenen Rede fühlen sich indessen auch die Gegner des Papstbesuchs durchaus nahe. Wenn er nach Großbritannien kommen wolle – herzlich gerne, sagen manche. Seine Reisekosten in Höhe von 20 Millionen Pfund möge er – auch als Gast der Queen – aber doch selbst tragen und nicht zu mehr als der Hälfte dem Steuerzahler aufbürden.

So denkt die Mehrheit der Briten: 79 Prozent haben einer Umfrage zufolge überhaupt kein Interesse an dem Besuch von Benedikt. Zwei Drittel finden, dass ein Staatsbesuch unpassend ist. Schließlich gehören 25 Millionen der 60 Millionen Briten der anglikanischen Kirche von England an. Die Katholiken – mehrheitlich in Schottland beheimatet – stellen mit etwa sechs Millionen klar die Minderheit.

Auch wenn Benedikt in London die Ökumene großschreibt und mit dem Erzbischof von Canterbury beten wird: Beide Kirchen kommen wohl kaum wieder zueinander. Dass die Anglikaner die Priester-Ordination von Frauen zulassen, ist dabei einer von vielen trennenden Punkten. Als der Papst vor einem Jahr verkündete, Anglikanern die Rückkehr in den Schoß des Vatikans erleichtern zu wollen, irritierte das London.

Man wird also sehen, wie Benedikt, in der Vergangenheit bei seinen Äußerungen gerade im Ausland doch nicht immer gut beraten, die Reise voller Herausforderungen zu der Insel meistern wird.

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