Oldenburg An Martin Sellner, Kopf der rechts gerichteten Identitären Bewegung in Österreich, scheiden sich die Geister. Entsprechend kontrovers wird über das Porträt „Wer ist Martin Sellner“ von NWZ-Autor Dr. Alexander Will diskutiert, das am 10. Mai erschienen ist. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob man der Galionsfigur der Identitären „ein Forum bieten“ darf.

Lesen Sie hier den angesprochenen Artikel von Dr. Will über Martin Sellner

Unsere Meinung: Sellner prägt die EU-kritische Diskussion in Österreich – deshalb ist es wichtig, über ihn zu schreiben. Anders sehen das das die Jusos der Unterbezirke Oldenburg/Ammerland und Wesermarsch.

Offener Brief der Jusos im Wortlaut

„Sehr geehrte Redaktion der Nordwest-Zeitung,

Demokratie heißt auch Wettbewerb der Ideen. Dazu ist es gut, auch ungewöhnliche politische Vorstellungen kennenzulernen. Doch aus gutem Grund setzt unser Grundgesetz dort Grenzen, wo Demokratie und Menschenwürde angegriffen werden. Mit Entsetzen haben wir daher feststellen müssen, dass in der heutigen Ausgabe der „NWZ“ ein gewaltbereiter Rechtsextremist mit Wurzeln im Neonazi-Milieu als angenehmer Gesprächspartner mit diskussionswürdigen Ideen dargestellt wird („Wer ist Martin Sellner?“, S. 4).

Martin Sellners frühe politische Versuche sind aufschlussreich: Er musste 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten, nachdem er im Jahr 2006 Hakenkreuz-Aufkleber an einer niederösterreichischen Synagoge angebracht hatte. Im Jahr 2009 nahm er an der Ehrenbekundung am Grab des Nationalsozialisten und Wehrmachtspiloten Walter Nowotny teil. Mit seinen braunen Umtrieben ist Sellner damit exemplarisch für die rechtsextreme Strategie, klassischen Faschismus in neue Schläuche („Identitäre Bewegung“) zu gießen, die ein vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zitierter deutscher Neonazi-Kader so umschreibt: „Die Identitären sind […] eine Aktionsform, die man nutzen kann, wenn JN- oder NPD-Fahnen nicht passend sind“.[1]

2017 wurde gegen Sellner in Österreich ein vorläufiges Waffenverbot erlassen, nachdem er mit einer Pfefferspraypistole auf Menschen geschossen hatte. Zweimal wurde ihm aufgrund seiner politischen Tätigkeiten die Einreise nach Großbritannien verwehrt. Mit der Aktion „Defend Europe“ wollten Sellner und Gleichgesinnte die Rettung von Geflüchteten in Seenot aktiv behindern. Die Durchsuchung seiner Wohnung wegen einer Spende des Massenmörders von Christchurch bildet nur einen erbärmlichen Höhepunkt.

Der rechtsextreme Sellner erscheint in Ihrem Artikel als ein intellektueller Konservativer, dem man einmal zugehört haben muss. Sein sogenanntes „Drei-Ebenen-Konzept“ entpuppt sich aber als „Ausländer raus!“ mit Abitur. Die Grundannahme hierbei lautet nämlich, dass Spannungen zwischen den Eigenschaften verschiedener homogener Völker eine qualitativ bessere Kultur hervorbringen als Gesellschaften, die offen sind. Das ist völkische Theorie pur. Weil die klassische „Rassenkunde“ aus gutem Grund von den meisten mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft assoziiert wird, nennen die Identitären diese „Ethnopluralismus“ und verweisen immer gerne – wie auch in Ihrem Text – auf Mozart. Das ist durchsichtig und braun zugleich.

Die Notwendigkeit, Sellner in Ihre Reihe „Will macht Europa“ aufzunehmen, sehen wir nicht – gerade, wenn man ihm auch noch sprachlich entgegenkommt, indem etwa rechte Kampfbegriffe wie „Masseneinwanderung“ ohne Anführungszeichen verwendet werden. Ganz im Gegenteil: Wir Jungsozialist*innen lehnen es ab, Rechtsextremen ein Forum zu bieten und mit ihnen über ihre demokratiefeindlichen Theorien und Absichten zu sprechen. Aus gutem Grund ist „Nie wieder!“, ist entschiedener Antifaschismus Minimalkonsens unserer Gesellschaft. Für viele Menschen, die in Deutschland leben, wäre die Realisierung von Sellners kruden Thesen letztendlich die Kriminalisierung ihrer eigenen Existenz.

Mit freundlichen Grüßen

Jusos UB Oldenburg/Ammerland

Jusos UB Wesermarsch“

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.