Oldenburg /Berlin In der Alten- und Krankenpflege sind deutschlandweit mehr als 25.000 Fachkraft-Stellen nicht besetzt, niedersachsenweit sind es fast 3000. Zudem fehlen in Niedersachsen 1000 Hilfskräfte (bundesweit rund 10.000). Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Demnach waren niedersachsenweit 2017 im Schnitt 1932 offene Stellen für Spezialisten in der Pflege alter Menschen gemeldet (bundesweit 14.785), in der Krankenpflege waren es 1055 (bundesweit 10.814). Auf 100 offene Stellen in der Altenpflege kommen in Niedersachsen lediglich 15 arbeitslose Fachkräfte. Damit liegt Niedersachsen im unteren Drittel im Bundesländervergleich. In der Krankenpflege sieht es dagegen mit 40 Bewerbern auf 100 offene Stellen besser aus. „Wir stehen in der Pflege vor einer echten Fachkräftekrise“, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

„Die kleinteiligen Maßnahmen der großen Koalition in den letzten Jahren bleiben wirkungslos, der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist wie leer gefegt.“ Die von Union und SPD versprochenen 8000 zusätzlichen Stellen im Pflegebereich seien nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wir fordern ein umfassendes Pflege-Sofortprogramm mit je 25.000 zusätzlichen Pflegefachkraftstellen für die Alten- und Krankenpflege, um die vakanten Pflegestellen schnellstmöglich zu besetzen und die Personalsituation insgesamt zu entlasten“, sagte Göring-Eckardt.

Bezirksverband Weser-Ems der Arbeiterwohlfahrt

Nichts Neues ist der Pflege-Fachkräftemangel für Hannelore Hunter-Roßmann vom Bezirksverband Weser-Ems der Arbeiterwohlfahrt (Awo): „Wir weisen seit langem darauf hin, dass in diesem Bereich etwas passieren muss“, sagt die Pressesprecherin im Gespräch mit der NWZ. Der Verband fordert einerseits eine bessere Bezahlung der Menschen, die in der Pflege arbeiten. „Wir sind Verfechter eines Tarifvertrags Soziales“, so die Pressesprecherin. Denn ein Wettbewerb zwischen tarifgebundenen und nicht tarifgebundenen Anbietern führe zu einer Abwärtsspirale im Lohngefüge, wie Awo-Verbandsgeschäftsführer Thomas Elsner bereits im vergangenen Jahr anlässlich des Tags der Pflege erklärt hatte. „Das ist mehr als kontraproduktiv für die Gewinnung von neuen motivierten Fachkräften“, so Elsner.

Grafik: dpa/B. Jütte/Bökelmann
Doch nicht nur in finanzieller Hinsicht müsse die Attraktivität des Berufs gesteigert werden. Das Dilemma: Die Pflegerinnen und Pfleger möchten mehr Zeit für die Menschen haben; schließlich sei die „eigentliche Aufgabe eine wunderbare“, so Hannelore Hunter-Roßmann, „wer den Beruf macht, macht ihn mit Überzeugung“. Aber die Rahmenbedingungen machen es den Pflegekräften schwer, sich in dem Umfang um die zu pflegenden Menschen zu kümmern, wie sie möchten. „Das ist nicht gesunderhaltend in dieser Situation“, sagt die Pressesprecherin. Zu der physischen Belastung kommt somit die psychische hinzu. Kein Wunder also, dass die durchschnittliche Verweil­dauer im Beruf in der Alten­pflege mit 8,4 Jahren und in der Kranken­pflege mit 7,5 Jahren äußerst niedrig liegt (Quelle: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe).

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Pflege-Fachkräftemangel: Wer denn sonst?

Nicht verständlich ist für den Verband außerdem, dass Niedersachsen immer noch mit weniger Pflegekräften pro zu Pflegender auskommen muss als andere Bundesländer. „Für die Pflegekräfte wie aber auch für die Betroffenen ist es nicht verständlich, dass in anderen Bundesländern ein deutlich höherer Personalschlüssel durch die Kostenträger finanziert wird als in Niedersachsen“, so Thomas Elsner.

Versorgungslücken im Oldenburger Land

Versorgungslücken bei den Pflegekräften

Aussage: Im Jahr 2030 beträgt die Lücke zwischen Personalbedarf und Personalangebot im stationären/ambulanten Pflegedienst X Vollzeitäquivalente.

Stadt Oldenburg: 427,1 (47%) / 257,2 (38,5%)

Kreis Cloppenburg: 436,8 (51,6%) / 117,7 (47,8%)

Ammerland: 529,4 (70,6%) / 144,8 (66,3%)

Kreis Oldenburg: 611,3 (70%) / 179,2 (66,5%)

Friesland: 480,3 (68%) / 213,5 (68,2%)

Wesermarsch: 370,9 (53,5%) / 127,2 (47,5%)

Delmenhorst: 190,7 (51,5%) / 56,8 (45,1%)

Wie groß die Lücke zwischen Personalbedarf und Personalangebot im Jahr 2030 im Oldenburger Land sein wird, wird in einer Pflegeprognose deutlich, die die Bertelsmann Stiftung online zur Verfügung stellt. Besonders große Versorgungslücken ergeben sich 2030 demnach prozentual gesehen sowohl im stationären als auch im ambulanten Pflegebedarf im Ammerland sowie in den Landkreisen Oldenburg und Friesland (siehe Infobox). Am besten sieht es dagegen in der Stadt Oldenburg aus.

Wie die Antwort des Bundesgesundheitsministerium zeigt, ist der Pflege-Fachkräftemangel in den Bundesländern unterschiedlich groß. Demnach kommen in Berlin auf 100 offene Stellen in der Altenpflege 43 arbeitslose Fachkräfte, in Nordrhein-Westfalen 34, in Bayern und Thüringen dagegen nur 14 und in Rheinland-Pfalz und Sachsen nur 13. Im Bundesschnitt sind es 21. In der Krankenpflege kommen auf 100 offene Stellen in Berlin 81 arbeitslose Spezialisten, in Mecklenburg-Vorpommern 74, in Baden-Württemberg dagegen nur 29. Im Bundesschnitt sind es in diesem Bereich 41.

Thema Pflege im Koalitionsvertrag

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag unter anderem ein „Sofortprogramm Pflege“ mit 8000 neuen Fachkraftstellen und besserer Bezahlung versprochen. Zudem ist eine „Konzertierte Aktion Pflege“ für einen besseren Personalschlüssel und eine Ausbildungsoffensive für Pflegerinnen und Pfleger angekündigt. Weitere Ziele sind der Abbau finanzieller Hürden bei der Pflegeausbildung und die Stärkung der ambulanten Alten- und Krankenpflege im ländlichen Raum.

Experten hatten das Ziel von 8000 neuen Fachkräften als unzureichend kritisiert. Nach Einschätzung der Diakonie Deutschland gibt es einen akuten Bedarf von 60.000 neuen Stellen in der Altenpflege.

Der „Berliner Zeitung“ liegen die Zahlen des Gesundheitsministeriums ebenfalls vor. Ihr sagte die Grünen-Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche, anstatt endlich ein umfassendes Programm vorzulegen, klammere sich die Bundesregierung an die 8000 zusätzlichen Stellen aus dem Koalitionsvertrag. „Angesichts des Pflegenotstandes ist das ein schlechter Witz.“

Im September 2017 hatte Pflege-Auszubildender Alexander Jorde die Zustände in seinem Berufsfeld beklagt. Er fragte Bundeskanzlerin Angela Merkel, warum die Krankenpflege hierzulande in einem so schlechten Zustand ist:

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Jantje Ziegeler Redakteurin / Online-Redaktion
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