Wilhelmshaven So haben sie das gern: Wunderbares Wetter, beste Stimmung, gut gelaunte Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, darunter so viele Admirale und Generale wie selten. Beim Chefwechsel des höchsten Wilhelmshavener Marine-Repräsentanten herrschen beste Bedingungen, deshalb kann auch die Souvenir-Flagge für den scheidenden Flottillenadmiral Christoph Müller-Meinhardt von einem Fallschirmjäger übergeben werden, der zuvor am strahlend blauen Himmel aus einem Transall-Transportflugzeug ausgestiegen ist.

Die Marine präsentiert sich am Freitag am Wangerooge-Kai in Wilhelmshaven als ein „Land des Lächelns“. Und wie in der gleichnamigen Operette verfährt auch die Marine nach dem Motto „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen“ – gefolgt von dem Satz „Und wie’s da drin aussieht, geht niemand was an“.

Denn wie’s da drin aussieht, wird nicht auf den offiziellen Empfängen angesprochen, sondern an anderen Stellen betrachtet und diskutiert. Beispielsweise im Internet, wo zurzeit ein Video kursiert, das die Fregatte „Sachsen“ in Flammen zeigt, nachdem ein Raketenschießen mit einem Rohrkrepierer endete. Oder in den politischen Gremien, die immer mehr Geld für den offenbar völlig maroden Marine-Dreimaster „Gorch Fock“ zur Verfügung stellen sollen. Aber auch bei den Marinesoldaten, die seit Jahren darauf warten, dass die neuen Fregatten der Klasse 125 endlich in der Flotte ankommen.

Den betroffenen Soldaten fällt das Lächeln ebenso schwer wie den außenstehenden Beobachtern der Marine, die in der Vergangenheit fassungslos Meldungen zur Kenntnis nehmen mussten, dass keines der sechs U-Boote der Marine einsatzfähig war oder dass es kaum noch verfügbare Hubschrauber gibt und dass der seit Jahren erwartete neue Helikopter NH 90 nicht für den Flugbetrieb über Nord-und Ostsee geeignet sei und deshalb eine Sondergenehmigung benötige.

Vor einem Vierteljahr ist einem scheidenden Kommandeur eines Fregattengeschwaders der Kragen geplatzt, als er davon sprach, dass es inzwischen fünf nach zwölf sei. Solche Äußerungen sind jetzt beim Kommandeurswechsel an der Spitze der Einsatzflottille 2 nicht zu hören. Natürlich werden die Herausforderungen nicht verschwiegen. Aber „an Tagen wie diesen“ stehen nicht nüchterne Situationsbeschreibung und Ursachenforschung im Mittelpunkt, sondern anderes. Jetzt sei „Führung und nicht Larmoyanz“ gefragt, sagt der scheidende Kommandeur.

Zwar seien von den 15 geplanten Fregatten tatsächlich nur neun verfügbar, aber eine Trendwende sei eingeleitet. Nachdem ein Vierteljahrhundert „abgebaut, verschlankt und eingespart“ worden sei, gehe es jetzt „trotz einiger Rückschläge“ voran mit der Marine. Ähnlich äußert sich sein Nachfolger Kapitän zur See Ralf Kuchler. Es gehe darum, Teil der Lösung und nicht einer wohlfeilen Problembeschreibung zu sein.

Zu den Rückschlägen gehört unter anderem das Projekt der neuen Fregattenklasse 125. Einen Quantensprung sollen die neuen Schiffe bedeuten, heißt es seit Jahren der Vertröstung. Inzwischen ist es fast anderthalb Jahre her, dass nach jahrelanger Verzögerung im Januar 2017 die Fregatte „Baden-Württemberg“ stolz während des Erprobungsbetriebs einigen Journalisten präsentiert wurde.

Ende des Jahres, so hieß es damals, werde der neue Stolz der Marine in den Dienst gehen. Tatsächlich wurde das Schiff wegen erheblicher Mängel wieder an die Hersteller zurückgegeben und selbst jetzt kann niemand einen verbindlichen Termin für die Übergabe an die Flotte nennen.

Das Problem der Marine: Der beklagenswerte Gesamtzustand ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern wurde sehenden Auges von den Offizieren an der Marinespitze begleitet. Doch wenn’s drauf ankam, haben sie der Öffentlichkeit aus Gründen der persönlichen Karriereplanung die Probleme verschwiegen und gelächelt, ganz nach dem Operettenmotto „Und wie’s da drin aussieht, geht niemand was an.“

Jürgen Westerhoff Redakteur / Regionalredaktion
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