Hannover Wir schalten dann um nach Österreich. Fünf Röhrenfernseher stehen in Saal 127 bereit, außerdem zwei Gerichtstechniker, aus der ISDN-Leitung tutet das Freizeichen. „Grüß Gott“, meldet sich der Kollege in Innsbruck, neben ihm sitzt die Zeugin P.; an der Wand klebt der österreichische Bundesadler. „Geht das mit dem Echo?“, fragt der Aufnahmeleiter, Richter Frank Rosenow, besorgt. Österreich nickt.

Wenig Erkenntnisse

Katrin P., 30 Jahre alt, ist eine Kellnerin mit einem Rückenleiden, das Reisen nach Hannover unmöglich macht. Weil P. aber 2008 Dienst tat im Käfer-Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest und weil dort der Angeklagte Groenewold dem Angeklagten Wulff bei der Begleichung der Speisen- und Getränkerechnung möglicherweise einen Vorteil gewährte, muss Frau P. nun per Live-Schaltung aussagen. Rosenow belehrt die Zeugin nach deutschem Recht, nach österreichischem Recht hat sie zuvor der Kollege in Innsbruck belehrt.

P. hat ein gewinnendes Lächeln, aber nur lückenhafte Erinnerungen. „Ja“, sagt sie, man habe ihr „einen Super-VIP aus der Regierung“ angekündigt. Sie habe den Tisch deswegen eigens neu eingedeckt, „mit Stoffservietten“. Und sonst so? „Ganz sicher“ habe Frau Wulff Champagner getrunken, Marke Dom Perignon (Bettina Wulff selbst sprach von 0,2 Litern). Was noch verzehrt wurde, weiß Zeugin P. leider nicht mehr, auch nicht, wer am Ende die Rechnung bezahlt hat. Wie war denn die Stimmung am VIP-Tisch, fragt Rosenow. „Gegenüber den anderen Tischen sehr gesittet“, sagt P.

Rosenow beendet die Vernehmung, „herzlichen Dank an die österreichischen Kollegen“, aus den Röhrenfernsehern tönt tatsächlich eine Fanfare. Und das hier ist der Erkenntnisgewinn aus der Videovernehmung: Die deutsche Justiz scheut bei der Wahrheitsfindung weder Kosten noch Gerichts-Technik.

Neue Erkenntnisse im Korruptionsfall Wulff und Groenewold gibt es indes nicht. Hat der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, im September 2008 einen Vorteil im Wert von 719,40 Euro vom Filmproduzenten David Groenewold angenommen? Was geschah damals im Restaurant „Trader Vic’s“ wirklich, im Käfer-Zelt auf dem Oktoberfest, im Hotel „Bayerischer Hof“? „Dann sind wir endlich bei dem Punkt, auf den wir alle warten“, kündigt Rosenow nach einstündiger Verhandlungspause sein „Zwischenfazit“ nach acht Prozesstagen an.

Das Essen im „Trader Vic’s“ – die Kammer ist „nicht davon überzeugt“, dass die Wulffs daran teilgenommen haben.

Die Wiesn-Einladung – „kein strafrechtlich relevanter Vorteil“, die Übernahme der Wulffschen Bewirtungskosten von „vielleicht 200 Euro“ durch Groenewold im Übrigen wohl „sozialadäquat“.

Die Hotelrechnung – „die Einlassungen der Angeklagten konnten nach den bisherigen Erkenntnissen der Beweisführung nicht widerlegt werden“.

Das Gericht schlägt vor, das Verfahren einzustellen.

Aber da spielt Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer nicht mit. „Radieschen, Brathendl und Bierkrüge sind für mich nicht maßgeblich“, sagt er. Er kritisiert die richterliche Beweisführung: Dass sich die Zeugen nicht erinnern können, stehe bereits in seiner Anklageschrift. In einer solchen Situation ohne „unmittelbare Beweise“ dürfe ein Richter nicht die Angaben der Angeklagten seiner Entscheidung zugrunde legen. Nötig sei vielmehr eine „Gesamtwürdigung“ – das Verfahren, so Eimterbäumer, müsse fortgesetzt werden. Der Angeklagte Wulff starrt ihn mit versteinerter Miene an.

Fortsetzung folgt

Am 2. Januar wird es vorerst weitergehen mit dem Wulff-Prozess. Aber vorher gibt es eine weitere Live-Schaltung, im Gerichtsfoyer ist modernste Digitaltechnik aufgebaut, die Fernsehanstalten senden aus Hannover in deutsche Wohnzimmer. Wulffs Verteidiger Bernd Müssig und Michael Nagel sprechen in die Kameras, von „hundertprozentiger Freude“ ist die Rede und von „Freispruch“. „Aber der Staatsanwalt. . .“, setzt ein Reporter an. „Die Tragik dieses Staatsanwalts ist, dass er nicht merkt, dass das Pferd, das er hier reitet, tot ist“, unterbricht ihn Bernd Müssig.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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