Hannover /Berlin Das Votum fällt eindeutig aus. „25 Prozent Realität, der Rest Fiktion“, sagen Stimmen, die ganz nahe dabei waren beim Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff um den Jahreswechsel 2011/12. Die tatsächlich hinter den verschlossenen Türen agierten, hinter die das Sat. 1-Doku-Drama „Der Rücktritt“ am Dienstagabend um 20.15 Uhr zu leuchten versuchte.

Zeugen, die hautnah den Drohanruf Wulffs bei „Bild“ erlebten, den der Bundespräsident aus der deutschen Botschaft in Kuwait tätigte, während draußen Gäste beim Empfang plauderten und eine Handvoll deutsche Journalisten lange auf ein Hintergrundgespräch warteten. Legendär der rote Kopf von Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker, als dieser zum Hintergrundgespräch bat. „Was ist los“, fragten Journalisten. „Nichts“, sagte Wulff – und sah elend aus.

„Vorverurteilung“

Dafür lederte Wulff auf dem Rückflug von seiner Golfreise um 17 Uhr in der Regierungsmaschine „Theodor Heuss“ kurz nach dem Start los: „Vorverurteilung“, kanzelte Wulff alle Medien-Fragen nach Hauskauf, von Dritten bezahlten Unterkünften oder Urlauben bei reichen Freunden ab. „Viele sind froh, dass sie auf mich schießen können, 600 Journalisten sind auf dem Weg“, wetterte der Bundespräsident, der sich eingekesselt fühlte: „Seit Jahren verfolgt man mich und meine Frau.“ Zum Schluss sogar ein Versprechen: „Wenn ich nicht mehr Bundespräsident bin, lasse ich mir ein Tattoo machen – wie Bettina.“ Seine große Liebe. Gescheitert wie Wulff im Amt.

Wenig von Wulffs wahren Gefühlen bringt die Doku rüber. Auch nicht, dass er seinen treuesten Vertrauten, Glaeseker und Staatssekretär Lothar Hagebölling, Fakten über seine Reisen und Urlaube („Ist alles privat!“) vorenthielt oder sogar belog, wie bei Details zum Hauskauf. Als die Wahrheiten herauskamen, standen Glaeseker und Hagebölling als Lügner da.

Schon lange Warnungen

Schon lange gab es Warnungen aus Wulffs Umgebung, sich nicht auf den Boulevard mit Storys über Deutschlands Glamourpaar – Wulff und Ehefrau Bettina – einzulassen, sondern zurückzukehren zum soliden Image des früheren Ministerpräsidenten in Niedersachsen. Unter vier Augen hieß es: „Du hast dich verändert. Für dich ist der Boulevard nichts.“ Wulff hörte nicht. Die Scheidung von Ex-Frau Christiane, Bettina die Neue, Wulffs Wunsch nach einem Kind, die Schwangerschaft, der Name – alles breiten Wulff und Bettina aus. Als sich der Wind dreht, feuert Wulff seinen Presseberater als Verzweiflungsakt kurz vor dem Ende.

Manches greift der Film auf, vieles bleibt angedeutet. „Wer die Personen kennt, weiß, wie es wirklich war“, sagen Wissende.

Gunars Reichenbachs Chefkorrespondent / Redaktion Hannover
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