DANGAST Kurdirektor Johann Taddigs steht im Keller „seiner“ Kuranlage. Große Heizkessel, Schaltschränke, Rohrleitungen dominieren. Taddigs erläutert die Funktion der verwirrenden Kabel und Rohre, Verschlüsse und Schalter. Gelegentlich verweist er auf Schäden im Mauerwerk. Es riecht nach Staub und ein wenig muffig. Taddigs hat „Backstage-Tour“ durch die Kurverwaltung organisiert. „Dort, wo der Gast nicht hinkommt.“

Wir befinden uns unterhalb des Jodsole-Bades, es ist stillgelegt. Was der Gast nicht sieht: Die Kur­anlage ist technisch in die Jahre gekommen, auch ist sie überdimensioniert, ein Teil der Räume wird gar nicht mehr benötigt. Und jetzt hat sich die Kur­anlage aus den 80er Jahren zum Zankapfel für Varel und vor allem zum Zuschussbetrieb entwickelt. Taddigs möchte sie am liebsten loswerden. Den Erlös aus dem Verkauf möchte er nutzen, um das Quellbad direkt am Deich attraktiver für Besucher zu machen. Auf dem Areal könnten Hotelzimmer und Ferienwohnungen entstehen.

Bürger gründen Initiative

Klingt doch gut, sagen die Befürworter, darunter Kurdirektor Johann Taddigs, Bürgermeister Gerd-Christian Wagner und die Mehrheitsgruppe aus SPD, CDU und FDP, die im Rat seit der letzten Kommunalwahl die Mehrheit bildet. Klingt doch furchtbar, sagen die Gegner, darunter die im Rat vertretenen Fraktionen Zukunft Varel um den früheren sozialdemokratischen Bürgermeister Karl-Heinz Funke und die Wähleraktion „Menschenmüll“ um ihren Fraktionsvorsitzenden Iko Chmielewski.

Außerhalb des Rats hat sich eine Bürgerinitiative Dangast gebildet, mit dem Untertitel „Zur Rettung der Kuranlage und des Kurparks“, die in kurzer Zeit 1100 Unterschriften gegen den Verkauf der Kuranlage gesammelt hat.

Hintergrund der Verkaufsabsichten ist ein Auftrag des Vareler Rates an Kurdirektor Johann Taddigs, das Defizit der Kurverwaltung dauerhaft zu minimieren, besser noch ganz abzubauen. Seit Jahren gleicht die Stadt als Eigentümer der Kurverwaltung das Defizit ihres Eigenbetriebs aus, aktuell mit einer Million Euro Defizit. Es waren aber auch schon mehr als 1,5 Millionen Euro in manchen Jahren. Und da die Stadt Varel keinen ausgeglichenen Haushalt hat, setzt die Ratsmehrheit nun alles daran, die Stadt finanziell wieder handlungsfähig zu machen und sich von einer Kostenstelle zu lösen.

Eine weite, grüne Fläche erstreckt sich in Dangast zwischen dem städtischen Badestrand und dem Tennisplatz. Etwas verschlafen in der Vorsaison, bildet sie mit Spielplatz und Minigolfanlage auch eine Art Kurpark. Taddigs hat ihn in seinen Plan zur Sanierung der Kurverwaltung miteinbezogen, und das hat nach Bekanntwerden für reichlich Wirbel bei den Dangastern gesorgt.

„Wir tappen in eine Schuldenfalle“, sagt Leo Klubescheidt (68), der seit 2011 in Dangast lebt, zuvor hat er dort zehn Jahre ein Ferienhaus gehabt. Jetzt vermietet er Ferienwohnungen. Er ist wie Dr. Peter Beyersdorff Mitbegründer der Bürgerinitiative Dangast. Deren prominenteste Sprecherin ist Konstanze Radziwill, aufgewachsen in Dangast und Tochter des Malers Franz Radziwill und der Schriftstellerin Anna Inge Radziwill. Klubescheidt bezweifelt wie viele Dangaster, dass der Verkauf der Kuranlage und des – zugegeben – attraktiven Grundstücks genug Erlös einbringt, um die Projekte zu realisieren, die man sich vorgenommen hat. Der Deich werde teurer kommen als kalkuliert, ebenso die Saunalandschaft, die mehr Gäste ins Quellbad locken soll. Von den Verkehrsproblemen mal abgesehen, die sich durch mehr Besucher für Dangast ergäbe.

Kampfansage von Funke

Das ist es auch, was Iko Chmielewski, Vorsitzender des Betriebsausschusses Eigenbetrieb Kurverwaltung Dangast, aufbringt. „Wieder einmal werden in Dangast verschiedene Probleme und Projekte vermengt“, beklagt er. Das Quellbad, ein Ganzjahresbad, solle nun, 14 Jahre nach seiner Fertigstellung, sturmflutsicher gemacht werden. Da man das Geld dafür nicht habe, wolle man die Kur­anlage verkaufen und das Grundstück zur Bebauung durch einen Investor freigeben.

Die Verkehrsprobleme würden sich verschärfen, die Kuranlage selbst könne auch durch Private betrieben werden. „Die schlechteste aller Lösungen“, wettert Karl-Heinz Funke, der damals noch aus der Opposition im Rathaus, dann als Bürgermeister die Entwicklung der Kuranlage begleitet hat. Ein Verkauf der Kuranlage würde den Abriss der Gebäude bedeuten, die Bebauung mit Hotels und Ferienwohnungen in dieser Dimension den Charakter Dangasts vollkommen verändern oder gar zerstören wird. Er hat im Rat eine Bürgerbefragung beantragt, wie sie das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetzes vorsieht. Und er hat gegenüber dem Bürgermeister und der Mehrheitsgruppe eindeutig erklärt: „Ich lehne das Konzept ab und werde es bekämpfen.“

Ob es einen einzigen Charakter von Dangast gibt, bezweifelt die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Varel e.V., der Gewerbeverein von Varel mit mehr als 140 Mitgliedsbetrieben. Deren Vorsitzende Matthias Brauer und Ralf Tjarks haben den Verkauf der Kuranlage und des sechs Hektar großen Grundstücks im Ort provokativ befürwortet. Der Ort habe verschiedene Alleinstellungsmerkmale wie den Kurhausstrand mit dem Ensemble der früheren Kur-anlagen aus dem 19. Jahrhundert, die Verbindung zu den Künstlern der Brücke und Franz Radziwill, bestehe nun einmal vorwiegend aus zahlreichen Ferienhäusern und –wohnungen.

Verkauf als Bauland?

Wenn es keine Mehrheit für eine touristische Verwertung des Grundstücks der Kuranlage gäbe, müsse man aber auch über einen Verkauf als Bauland für Ferienwohnungen nachdenken und das Ende der Kurverwaltung, um endlich das Defizit im Haushalt der Kurverwaltung und die Nachschusspflicht der Stadt Varel zu beenden.

So wird weiter um die Kurverwaltung gerungen. An diesem Donnerstag muss der Rat einen Grundsatzbeschluss fällen, sonst fehlt es dem Bürgermeister an einem Mandat, mit potenziellen Investoren zu verhandeln. Eine Mehrheit ist dafür aber vorhanden, glauben die Gruppensprecher Jürgen Bruns (SPD) und Hergen Eilers (CDU).

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Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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