Menschenkette Bei Dangast
Protest gegen das Drama im Mittelmeer

„Es wird Zeit, dass die Anständigen lauter werden“, sagte sich Alexander Westerman aus Varel, als Pegida-Demonstranten hämisch das Ertrinkenlassen von Menschen einforderten. Mit weiteren Mitstreitern hat er für diesen Sonntag eine Aktion auf die Beine gestellt, die eine unerwartete Dynamik entwickelt.

Bild: Martin Remmers
Rufen für Sonntag in Dangast zu einer Menschenkette gegen das Ertrinkenlassen auf: Alexander Westerman (links) und Ulf Berner.Bild: Martin Remmers
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Varel /Wilhelmshaven „Absaufen, absaufen“ – der Tag, als Demonstranten bei einer Pegida-Demo in Dresden lautstark und hämisch das Ertrinkenlassen von Menschen einfordern, war für Alexander Westerman der entscheidende Moment: „Ich dachte mir, jetzt reicht’s. Es wird Zeit, dass die Anständigen lauter werden“, sagt der 42-jährige Vareler, und wirkt beim Gedanken an die brüllende Masse immer noch schockiert.

Schon kurz darauf war die Idee einer Menschenkette am Meer geboren. Über das Internet suchte der ehemalige Marineunteroffizier Mitstreiter für sein Projekt – und wurde schnell fündig. Mit dem Wilhelmshavener Blogger Ulf Berner und dem Elektroinstallateur Olaf Harjes aus Jever schloss sich Westerman zum „Aktionsbündnis Meer Menschlichkeit“ zusammen.

Steigender Zuspruch

„Am Anfang haben wir uns gedacht, lass es mal 50 oder 100 Leute werden und deswegen bewusst das kleine Dangast als Ort gewählt“, erklärt Berner. Doch dann habe die Idee auf einmal eine unerwartete Eigendynamik entwickelt. Inzwischen haben mehr als 1000 Menschen aus der ganzen Region allein auf Facebook ihr Interesse an der Demo signalisiert – Tendenz steigend.

Und so mussten die Organisatoren umplanen: Von Dangast aus soll die Menschenkette nun am kommenden Sonntag über den Deich in Richtung Wilhelmshaven verlaufen. „Mal sehen, wie weit wir kommen“, sagt Berner, der inzwischen mit mindestens 500 Teilnehmern rechnet. Oder wesentlich mehr? Es ist unmöglich vorherzusagen. Klar sei aber: „Nach den Jagdszenen in Chemnitz ist die Solidarität noch einmal größer geworden“, so Westerman.

Homepage der Aktion „Meer Menschlichkeit“

Allerdings gebe es auch „eine Kehrseite“, sagt Berner. So habe das Seglerheim am Nassauhafen wegen des Plakates für die Aktion einen Stammgast und ihr Mitstreiter Harjes wegen seiner Mitwirkung einen langjährigen Kunden verloren – und er selbst einige Facebook-Freunde eingebüßt. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet“, sagt der Wilhelmshavener.

Schließlich hätten sie – im Gegensatz zur bundesweiten Aktion Seebrücke – bei ihrem Aufruf ganz bewusst auf politische Forderungen zur Asylpolitik verzichtet. „Uns geht es nur darum, dass man niemand ertrinken lassen darf. Es geht allein um Menschlichkeit“, betont Ulf Berner. „Über alles andere – Asylpolitik, Rückführungen, Obergrenzen – könne man ja durchaus diskutieren und unterschiedlicher Meinung sein.

Und weil die drei mit „Meer Menschlichkeit“ ganz bewusst die breite Masse ansprechen wollen, wird es bei der Veranstaltung am Sonntag auch keine politischen Reden geben. Statt markiger Worte sollen die Teilnehmer der Menschenkette die Atmosphäre des Meeres aufnehmen und auf sich wirken lassen. „Es wird eine großartige Wirkung auf die Teilnehmer haben“, ist sich Berner sicher, schließlich fühlten sich gerade jene, die sich in ihrem Umfeld gegen Hassrede stellen im Alltag oft allein.

Es kommt auf jeden an

Und genau deswegen komme es nun am Sonntag „auf jeden einzelnen Menschen an“, sagt Berner. Wer sich beteiligen möchte, den bitten die Organisatoren, Fahrgemeinschaften zu bilden oder gleich mit dem Rad nach Dangast zu kommen. Bis zuletzt werde es auf Facebook und ihrer Internetseite aktuelle Infos geben, in welchem Bereich noch Menschen für die Kette benötigt werden, damit nicht alle Teilnehmer zuerst nach Dangast fahren müssen, versprechen die Organisatoren. Zwischen 14 und 15 Uhr soll sich die Kette dann auf dem Deich formieren.

Wie es nach der Aktion weitergeht, ist noch unklar. Zwar gibt es Überlegungen für ein Konzert auf dem Deich, doch das könne man unmöglich zu dritt stemmen, sagt Berner: „Wir sind inzwischen an den Grenzen unserer bescheidenen Möglichkeiten angekommen.“

Und eigentlich wären sie ja froh, wenn sie nicht fortfahren müssten, ergänzt Alexander Westerman. „Denn das würde ja bedeuten, dass wir unser Ziel erreicht haben und das Problem gelöst wäre.“

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