Oldenburg Die vielen verschiedenen rechten Gruppen sind zum Teil sehr gut miteinander vernetzt. Jan Krieger erklärt, welche Methoden sie nutzen, ob es einen Anstieg an rechten Aktionen in der Region gibt und mit welchen Problemen Schulen hier zu kämpfen haben. Ein Foto von sich wolle Jan Krieger im Interview nicht veröffentlichen, da Rechte bekannt dafür seien, Namen und Fotos zu sammeln und „Feindeslisten“ zu führen.

Frage: Wie ist die aktuelle Situation im Nordwesten?
Krieger: Die Szene ist in den letzten Jahren sehr groß geworden. Es gibt nicht mehr die eine klassische rechtsextreme Gruppe, sondern zahlreiche unterschiedliche Strukturen, die sich herausgebildet haben und die mit unterschiedlichen Strategien und Konzepten versuchen auf die Gesellschaft einzuwirken. Zum Spektrum gehören neben klassischen Neonazis, die Rockerszene, Hooligans, Burschen- und Brüderschaften, esoterische und völkische Organisationen, Reichsbürger uvm. Sie sind zum Teil untereinander sehr gut vernetzt und ihr Einfluss ist deutlich spürbar geworden. Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben und es ist gesamtgesellschaftlich eine Zunahme von rechten und menschenfeindlichen Einstellungen feststellbar.

Frage: Bemerken Sie einen Anstieg an rechten Aktionen in der Region?
Krieger: Neben rechten Kundgebungen wie in Delmenhorst und Papenburg, an denen im vergangenen Jahr unterschiedliche Personen aus dem rechten Spektrum teilgenommen haben, gab es in den letzten Jahren auch vermehrt gezielte Sachbeschädigungen gegen interkulturelle und religiöse Einrichtungen. In Oldenburg wurden im letzten Jahr Hakenkreuze an die Maryam Moschee und auch an eines unserer Gebäude (IBIS) gesprüht. In Nordenham wurde zudem eine Moschee beschmiert. An mehreren Orten in der Region kam es zu körperlichen Übergriffen durch Reichsbürger. Zudem kommt es vermehrt zu Einschüchterungen und Bedrohungen gegenüber zivilgesellschaftlich engagierten Personen. Die Hemmschwellen, sich in der Öffentlichkeit auf Demonstrationen zu zeigen, Sachbeschädigungen zu begehen oder Gewalt anzuwenden sind deutlich gesunken. Darüber hinaus stellen wir eine Zunahme von rechten Aktivitäten in gesellschaftlichen Bereichen wie z.B. in der Obdachlosenhilfe, in Elternvereinen oder auch in antifeministischen Bewegungen fest.

Frage: Mit welchen Methoden agieren rechte Bewegungen in der Region?
Krieger: Flyer und Sticker werden in der Region regelmäßig verteilt und verklebt. Zum einen natürlich, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber auch, um andere Menschen einzuschüchtern und indirekt zu bedrohen, indem die Aufkleber gezielt in unmittelbarer Nähe von Wohnungen oder interkulturellen, antirassistischen und queeren Einrichtungen verklebt werden. Rechte Raum- und Wortergreifungsstrategien sind für die Region ebenfalls zunehmend feststellbar. Dies äußert sich durch Versuche, rechte Veranstaltungen in öffentlichen Räumen durchzuführen oder auch durch Wortbeiträge bei anderen öffentlichen Veranstaltungen, um rechte Diskurse zu normalisieren. Vieles ist aber auf den ersten Blick aber auch erstmal unscheinbar und unauffällig, wenn Rechte versuchen, sich in Vereinsstrukturen einzubringen. Auch dies ist ein Bestandteil ihrer Strategien.

Frage: Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen in die Beratungsstelle?
Krieger: Die Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zu uns. Anlass sind in der Regel Unsicherheiten im Umgang mit rechten, rassistischen und antisemitischen Vorkommnissen und Erscheinungsformen. Gemeinsam mit dem Betroffenen erarbeiten wir Lösungsansätze und bieten „Hilfe zur Selbsthilfe“ an indem wir sie in ihrer Handlungsfähigkeit stärken und mit anderen Personen und Institutionen vernetzen. Als Mobile Beratung versuchen wir alle zu stärken, die sich für eine menschenrechtsorientierte demokratische Kultur und eine lebendige Zivilgesellschaft engagieren. In letzter Zeit haben sich besonders viele Schulen bei uns gemeldet. Anlass waren unter anderem Pausenspiele mit antisemitischen Hintergrund, Beiträge in WhatsApp Gruppen, Schüler mit rechter Kleidung oder Unsicherheiten im Umgang mit rechten Aussagen. Neben Schulen werden von uns aber z.B. auch Vereine, zivilgesellschaftliche Bündnisse, Universitäten. Familien und Verwaltungen von uns beraten.

Tonia Hysky Redakteurin / Newsdesk
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