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Oldenburg Nach der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 begannen die Alliierten in Deutschland unverzüglich mit der Entnazifizierung, wobei der Schwerpunkt zunächst auf der politischen Säuberung des öffentlichen Dienstes lag. Regeln, also Entnazifizierungsrichtlinien, gab es indes – noch – nicht. Es war zunächst Sache der örtlichen Militärregierungen, die Entnazifizierung zu betreiben. Die Briten fokussierten sich auf die Verwaltungen, die bestehen bleiben sollten. Erst ein halbes Jahr später ging es auch um die Säuberung der Privatwirtschaft.

Im Land Oldenburg ermittelte die britische Militärregierung erst einmal 105 mutmaßliche Kriegsverbrecher, die der Verwaltung angehörten. Bis Ende des Jahres 1945 stieg ihre Zahl auf 160 Personen, bis April 1946 kamen noch einmal neun Belastete dazu. Diese 169 Funktionsträger wurden in Lagern interniert. 30 stammten aus Oldenburg, davon 14 aus dem Staatsministerium und zehn aus der Stadtverwaltung, darunter auch der Oldenburger Oberbürgermeister Heinrich Rabeling (1890-1956). Der ursprünglich der DNVP nahestehende Jurist war in die NSDAP eingetreten. Er wurde später aus der Internierung entlassen und war als Anwalt tätig.

„Selbstreinigung“

In der Britischen Zone (die Nordrhein-Westfalen, das spätere Land Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein und später auch Bremen umfasste) waren 68 500 Personen interniert, davon wurde die Hälfte bis Jahresbeginn 1947 wieder entlassen. An die Verwaltungen erging Anfang Juli 1945 der Auftrag, eine Art Selbstreinigung vorzunehmen, das heißt, die besonders belasteten NSDAP-Mitglieder oder SA-Mitglieder zu entfernen. Als untragbar galt, wer vor dem 1. April 1933 der NSDAP angehört hatte. Dazu wurde auch ein zunächst vierseitiger Personal-Fragebogen eingesetzt, ab Dezember war er auf sechs Seiten angewachsen. Bis Ende August 1945 waren 251 Beamte, Angestellte und Arbeiter in staatlichen und kommunalen Behörden entlassen. Und bis zum April 1946 stieg diese Zahl in der Stadt Oldenburg auf 501, im gesamten Oldenburger Land auf 1251. In der Oldenburger Stadtverwaltung waren 1054 Mitarbeiter vor Ort beschäftigt (plus 269 im Militärdienst), davon waren 343 Mitglied der NSDAP (plus 120 der 269 zum Militärdienst Herangezogenen, die ebenfalls in der NSDAP waren). Zum Vergleich: 7901 Oldenburger waren Mitglied der NSDAP, davon 1183 Frauen – insgesamt also zehn Prozent der Stadtbevölkerung.

Die zweite Phase der Entnazifizierung erfolgte von April 1946 bis Januar 1948. Auf Drängen der Amerikaner wurde eine Entnazifizierungsrichtlinie verabschiedet. Nach der Direktive 24 mussten nur einflussreiche Deutsche sich einer Entnazifizierung unterziehen, dazu Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, Parteien und Gewerkschaften, ferner Verantwortliche in Presse, Wirtschaft, Rundfunk und in Verlagen. Entlassen werden sollten alle, die vor 1937 in die Partei eingetreten waren. Die, die von der Hitlerjugend an die NSDAP überwiesen worden waren, sollten ebenfalls entlassen werden. Ein Entlassungsgrund war, wer einen mindestens Unteroffiziersrang in der SS, SA, Hitlerjugend oder Waffen-SS hatte. Damit wurde auch der zwölfseitige Fragebogen (Typ 3) eingeführt und die Einteilung der Befragten in fünf Kategorien (V = entlastet; IV = Mitläufer; III = Minderbelastete; II = Belastete; I = Hauptschuldige).

Ab 1946 wurden Entnazifizierungsausschüsse gebildet, bestehend aus Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und Vertretern bürgerlicher Parteien. Ihre Entscheidungen waren in der Öffentlichkeit nicht immer unumstritten und wurden von vielen Deutschen als ungerecht empfunden. Und eine Ironie ist es wohl, dass nicht nur die Opfer des Nationalsozialismus, sondern meistenteils auch die Täter als entlastet eingestuft wurden. Mehr noch: Der fanatische Nazi Georg Joel, stellvertretender Gauleiter und Ministerpräsident (1932-1945) wurde als „minderbelastet“ eingestuft. Ab Oktober 1947 ging die Entnazifizierung (dritte Phase) in deutsche Hände über. In der Praxis geschah das erst 1948. 1949 waren schließlich 48 166 Personen im Oldenburger Land überprüft, davon ganze 13 in der Kategorie „belastet“.

Karrieren nach 1945

Interessant ist es vor diesem Hintergrund, die Vita von politisch Handelnden im Land Niedersachsen zu beobachten, wie sie entnazifiziert wurden und ob das Folgen für ihre politische Karriere hatte. Die Mitgliedschaft in der NSDAP hinderte keine der Politiker-Karrieren, zeigt eine Untersuchung im Auftrag des Niedersächsischen Landtags. Von den 755 Landtagsabgeordneten der Nachkriegszeit, die vom Lebensalter her Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Organisationen hätten sein können, waren 233 in der NSDAP, der SA oder SS und vier weitere waren in der Waffen-SS gewesen. Die meisten davon bekleideten Abgeordnetenmandate in den Jahren 1947 bis 1955 (121), vor allem in der rechten DRP (Deutsche Reichspartei, anfangs Deutsche Rechtspartei) und im GB/BHE (Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten).

Eines der frühen NSDAP-Mitglieder mit Karriere im Nachkriegsdeutschland war Alfred Richter, 1930 in die NSDAP eingetreten, ab 1933 Innensenator und Polizeichef in Hamburg. Nach dem Krieg lebte er in Oldenburg und war Vorsitzender der rechten Deutschen Partei in Oldenburg, Ratsmitglied von 1952 bis 1961 und 1958/59 Landtagsmitglied. Heinz Folte (Elsfleth), Mitglied in der NSDAP seit 1937, war Leiter der Abteilung Landwirtschaft im Bodenamt Danzig-Westpreußen. Für die DP und die CDU war er Landtagsmitglied von 1955 bis 1967.

Widerwillig in die Partei?

Der SPD-Politiker und Landtagsabgeordnete Ernst Cordes aus Oldenburg verschwieg seine NSDAP-Mitgliedschaft im Entnazifizierungsverfahren. „Ohne eigenes Wissen“ sei er Mitglied der NSDAP gewesen, sagte der CDU-Politiker Hans Janßen (1918-2001), von 1963 bis 1986 im Landtag, von 1981 bis 1986 Oberbürgermeister in Wilhelmshaven..

CDU-Urgestein Bruno Brandes aus Holzminden (MdL von 1963 bis 1985) gehörte der NSDAP seit dem 1. Mai 1933 an – nur widerwillig sei er in die Partei eingetreten, gab er später an. Mit August Finke (geb. 1906) war gar ein ehemaliger Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes und Obersturmbannführer Mitglied des Landtags (für die rechtsextremistische Sozialistische Reichspartei, die 1952 verboten wurde). Er starb 1995 in Oldenburg.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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