Oldenburg Sie hat noch das alte Fotoalbum, im Innern kleben Ost-Erinnerungen, auf dem Deckel West-Helden, John Lennon, Jimi Hendrix, die Band Ten Years After. Liane Hadjeres lächelt, „die habe ich vom Fernseher abfotografiert“. Wer die DDR aushalten wollte, der brauchte gute Ideen – und Westfernsehen.

Aber irgendwann half auch das nicht mehr.

Acht Stunden Verhör

Eine Geburtstagsfeier, junge Leute mit langen Haaren. Die Volkspolizisten rücken mit großer Mannschaft an. „Wir lösen die Zusammenkunft jetzt auf“, rufen sie; angeblich gab es Beschwerden wegen nächtlicher Ruhestörung. Sie laden die jungen Leute auf einen Lastwagen und fahren sie zur Wache. Es dauert die ganze Nacht, die Männer müssen stehen, die Beine gespreizt, die Hände an der Wand. Sie darf wenigstens sitzen.

Bei der Arbeit klingelt ihr Schreibtischtelefon, der Abteilungsleiter ist dran, „kommen Sie mal bitte zu mir“. In seinem Büro warten zwei Männer mit langen Ledermänteln, „wie im Film“, denkt sie noch. Die Männer nehmen sie mit in einem großen Auto. Sie fragen sie aus über die politische Einstellung ihrer Freunde, immer abwechselnd. Das Verhör dauert acht Stunden.

Ihr Job als Schriftsetzer gefällt ihr nicht, jeden Sonntag denkt sie mit Bauchschmerzen an die kommende Woche. Sie bewirbt sich auf eine andere Stelle in Dresden. Das erste Antwortschreiben ist wohlwollend, dann folgt ein zweites: „Nach einem Einblick in Ihre Kaderakte steht für uns fest, dass Sie sich erst noch in Ihrer sozialistischen Persönlichkeit entwickeln müssen.“ Den Job kann sie vergessen.

Sie braucht eine Wohnung, aber das Wohnungsamt teilt ihr keine zu. Sie zieht schwarz bei Freunden ein, in Wohnungen, die längst im Abrissplan der Kreisverwaltung stehen. „Bruchbuden“, sagt sie: Salpeter im Mauerwerk, von den Wänden rieselt der Putz.

Als sie Urlaub in Ungarn machen möchte, wird ihr Antrag auf ein Visum abgelehnt. Sie fragt: „Warum?“ Antwort: „Wir müssen Ihnen gar nichts begründen.“

Opfer des DDR-Unrechts war, wer „diktatorischer Willkür ausgesetzt war“, so definierte es nach der Wende der gesamtdeutsche Bundestag. Liane Hadjeres, geboren in Zwickau, heute 61 Jahre alt und seit 27 Jahren Oldenburgerin, war in der DDR diktatorischer Willkür ausgesetzt – aber warum? Wie wurde eine Frau von nicht einmal 30 Jahren zum Staatsfeind? 

Hadjeres sagt: „Wir waren gar nicht staatsfeindlich. Wir wollten nur mehr Freiheit. Aufklärung. Austausch. Ja: Demokratie.“

Stand es so nicht auch in der DDR-Verfassung, Paragraf 27? „Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht, (...) seine Meinung frei und öffentlich zu äußern.“

Brief an Honecker

Als die Auszubildenden Schießübungen machen sollen, weigert sich Liane Hadjeres, die damals noch Richter hieß, auf menschenähnliche Scheiben zu schießen.

Zum Fahnenappell, wo eigentlich Uniformpflicht herrschte, kommt sie in Jeans.

Sie tritt aus der FDJ aus, der DDR-Organisation Freie Deutsche Jugend. „Es gibt keine freie Jugend hinter dickem Stacheldraht“, sagt sie.

Sie geht auch nicht zur Volkskammer-Wahl. „Das ist für mich keine Wahl, wenn der Gewinner vorher feststeht“, erklärt sie.

Und dann schreibt sie auch noch diesen Brief: an den Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker. Keine Anrede, dafür ein klares Bekenntnis: „Hiermit wende ich mich entschieden gegen die Stationierung von Atomraketen in der DDR.“ Hochachtungsvoll, Liane Richter, 2. Januar 1984.

Sie wohnt schon in Oldenburg, als sie ihre Stasi-Akte einsehen kann. Einen ganzen Tag verbringt sie in der Außenstelle Chemnitz des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Insgesamt lagern in den BStU-Archiven 180 Kilometer Akten. Immerhin drei dicke Ordner beschäftigen sich mit ihr.

In der Akte findet sie eine Skizze ihrer Wohnung. Der IM (Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi) hat sich Mühe gegeben mit der Benennung der Räume: „Wohnzimmer, Flur, vermutlich Schlafzimmer“.

Sie liest Protokolle von den Treffen ihrer Friedensgruppe. Beinah muss sie lachen: Die Stasi hatte gleich mehrere IM in die Gruppe eingeschleust, die Spitzel bespitzelten sich vor allem gegenseitig und verdächtigten sich.

Sie sieht eine Abhör-Anordnung für ihr Arbeitstelefon im Büro. Sie sieht die Anweisung „Post kontrollieren“.

Sie liest die Decknamen und die Klarnamen der vielen Stasi-Spitzel, die auf sie und ihre Freunde angesetzt waren. Und sie liest den Satz: „Die Entschlüsselung der Decknamen ,Raffelt‘; ,Schadow‘; ,Gerhard‘; ,Wolf‘; ,Joachim Körner‘; ,Heinrich‘; ,Reinhold‘; ,Erika‘ und ,Heinz‘ ist noch nicht abgeschlossen.“ Sie weiß bis heute nicht, wer diese Spitzel waren.

Sie findet den ausgearbeiteten Operationsvorgang „Kantus“, „Ziel: Schaffung von Beweisen einer Feindtätigkeit“. Puh.

Was macht so etwas mit einem? Liane Hadjeres sagt: Die ganze Traurigkeit, die Angst, den Druck – all das habe sie eigentlich erst später gespürt, als sie im Westen war. Sie wundert sich über sich selbst: Wie hart und geradeaus sie damals war!

Vielleicht braucht sie deshalb zehn Jahre, um einen Ausreiseantrag zu stellen. Sie weiß ja: Sie würde alles zurücklassen müssen, Verwandte, Freunde, Heimat. Sie hat auch nie Zweifel: In ihrer Familie, im engen Freundeskreis gibt es keine Stasi-Spitzel.

Aber die „diktatorische Willkür“ hört nicht auf. Sie wird schwanger, sie will den Vater des Kindes heiraten. Der Mann ist Algerier, es greift die „Verordnung zur Eheschließung von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik mit Ausländern“, Paragraf 8. Der Staat muss die Heirat genehmigen – und natürlich versagt der Staat ihr die Genehmigung. Warum? Antwort: „Wir müssen Ihnen gar nichts begründen.“

Sie regt sich so auf, sie muss ins Krankenhaus. Sie sieht die Tablettenschachteln und wundert sich: Ausgerechnet ich werde mit West-Medikamenten behandelt?

Tränen und Flüche

Sehr viel später, im Westen, liest sie Enthüllungsstorys in den Nachrichtenmagazinen: Angeblich haben westdeutsche Pharmafirmen Produkte an DDR-Bürgern getestet. „Nachweisen kann ich das nicht“, sagt sie.

Sie ist fast 30, als sie versteht: In diesem Staat habe ich keine Perspektive. Ihre Tochter wird geboren, jetzt steht es fest: Das Kind soll hier nicht aufwachsen. Sie stellt einen Ausreiseantrag.

Die junge Familie verkauft und verschenkt ihre Möbel. Einer letzter Akt der Willkür: Wochenlang warten sie in der leeren Wohnung auf den Ausreisetermin. Dann geht es zum Zug, Dezember 1985, eine Traube Menschen begleitet sie. Tränen. Flüche. Ein Bild brennt sich für immer in ihr Herz ein: Ein guter Freund gibt dem Zug einen zornigen Fußtritt.

Nach Oldenburg kommt sie „mit dem Finger auf der Landkarte“, sagt sie: die Meernähe, die Größe der Stadt, alles passt. Jetzt sitzt sie in ihrer Wohnung, auf dem Tisch dampft schwarzer Tee, im Regal stehen Bücher, „Hardenbergs Weltreport“, dahinter der Computer mit Internetzugang. Längst ist das alles normal: Austausch, Aufklärung, ja: Demokratie.

Ein Stück verlorene Jugend

Als sie nach Oldenburg zieht, bald nach dem Mauerfall im November 1989, wundert sie sich kurz: Die Leute sprechen ja gar nicht darüber! Sie spricht dann auch nicht viel über ihre Vergangenheit, die Begegnung damit findet sie zunehmend schmerzhaft. Sie spürt unterdrückte Angst (Sperren sie mich ein? Nehmen sie mir mein Kind weg?); sie fühlt Verlust, „ein Stück verlorene Jugend“.

Ihre Tochter ist klein, Liane Hadjeres arbeitet zunächst wieder im Büro. Mit 40 fängt sie dann ein Studium an, Kunstwissenschaft und Germanistik. Mit 45 ist sie fertig, wer stellt sie jetzt noch ein? Sie macht sich selbstständig und gründete die „Oldenburger Schreibwerkstatt“, zuletzt veranstaltete sie ein Projekt mit Flüchtlingen. Auf dem Tisch liegt ein Buch, „Refugees welcome“, in dem Buch erzählen Kinder und Jugendliche Geschichten vom Weggehen und vom Neuanfangen.

Liane Hadjeres sagt: „Ich sehe mich nicht nur als Opfer. Wir haben dem ja getrotzt.“

Auf dem Tisch liegt auch das alte Fotoalbum, außen John Lennon, innen uniformierte Auszubildende. Ein Mädchen trägt Jeans.

Weitere spannende Schicksale von DDR-Bürgern, die jetzt imNordwesten leben, lesen Sie in unserem Spezial zur DDR-Geschichte.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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