Hannover Der Ministerpräsident von Niedersachsen war kein Freund von Brieftaschen. Geld trug er immer lose bei sich, „in den vorderen Hosentaschen“, zumeist in Scheinen, „Großgeld vom Fünfziger aufwärts“, gern im Bündel. Ja, sagt Sebastian Sch., der Zeuge: Christian Wulff war ein Barzahler.

Im Zeugenstand von Saal 127 des Landgerichts Hannover sitzt diesmal also jemand, der sich erinnern kann. Sebastian Sch., 34 Jahre alt, Polizeibeamter, arbeitet seit 2006 als Personenschützer von Christian Wulff. Zunächst war er für die Sicherheit des Ministerpräsidenten Wulff verantwortlich, jetzt bewacht er den Bundespräsidenten a.D. Sein Job ist es, das Umfeld der Schutzperson im Blick zu haben und Gefahren schnell zu erkennen: bei Dienstterminen, im Urlaub und an Oktoberfestwochenenden. „Wir beobachten nicht die Schutzperson“, betont Sch. Aber ein bisschen Privates kriegt man als Personenschützer doch mit.

Zum Beispiel, dass der Chef gern bar zahlt. Dass er keinen Alkohol trinkt. Dass er ein „100-Prozent-Politiker“ ist, „einen privaten Menschen gab es in dem Sinne nicht“. Dass der 100-Prozent-Politiker trotzdem einen engen Freundeskreis von fünf, sechs Personen pflegt, zu denen der Berliner Filmproduzent David Groenewold zählt. Und dass dieser Freund mit dem Chef und dessen Frau am letzten Septemberwochenende 2008 in München war, nach einer langen, staureichen Autofahrt, vielfach unterbrochen wegen des Kleinkindes auf der Rückbank, „das Kind musste ja versorgt werden“, wie sich Sebastian Sch. erinnert.

Jetzt steht der Chef in Hannover gemeinsam mit dem Freund vor Gericht, es geht um Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung. Groenewold, so der Vorwurf, soll an jenem Wochenende Rechnungen in Gesamthöhe von 719,40 Euro für Wulff übernommen haben. Als Gegenleistung soll sich Wulff für Groenewolds Filmprojekt „John Rabe“ eingesetzt haben. „Ich weiß, es ist nicht einfach, gegen eine Person auszusagen, die man eigentlich beschützen soll“, sagt Richter Frank Rosenow. „Aber das müssen Sie heute mal vergessen.“

An einem kurzen sechsten Verhandlungstag befragt Rosenow neben Sebastian Sch. noch einen zweiten Personenschützer, einen 43-jährigen Polizisten aus Oldenburg, außerdem wieder einmal eine Mitarbeiterin des Münchner Luxushotels „Bayerischer Hof“. Die Zeit hat bei beiden seit 2008 große Lücken in die Erinnerung gerissen.

Drei Dinge lassen sich nach den jüngsten Zeugenbefragungen dennoch festhalten – und zwar zu Gunsten Wulffs. Erstens: Es ist technisch möglich, dass Groenewold beim Auschecken aus dem „Bayerischen Hof“ Teile von Wulffs Hotelrechnung übernehmen konnte, ohne dass Wulff es bemerkt haben muss. Zweitens: Wulffs Behauptung, er habe diese Rechnungsteile Groenewold später in bar erstattet, passt zu den geschilderten Zahlungsgewohnheiten. Drittens: Wulff und Groenewold waren und sind offenbar tatsächlich gute Freunde.

„Viel Spaß noch“, wünscht Hotelmitarbeiterin Alexandra M. dem Gericht nach ihrer kurzen Aussage. Den könnte die Kammer schon an diesem Donnerstag haben: dann tritt die ehemalige First Lady in den Zeugenstand. Bettina Wulff lebt mittlerweile getrennt von ihrem Mann. Nun wird sie vor Gericht über den gemeinsamen Oktoberfestbesuch im Jahr 2008 sprechen. Oder auch nicht.


Alle Berichte zum Wulff-Prozess:   www.nwzonline.de/wulff-affaere 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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