Die Skepsis am Anfang war groß. Der Bundesfreiwilligendienst drohe zum „Fiasko“ zu werden, meldeten Boulevardzeitungen. Wohlfahrtsverbände klagten über zu wenige Bewerber. Die Abschaffung des Zivildienstes sei eine Riesenkatastrophe. Von diesen kritischen Tönen begleitet, starteten vor einem Jahr, am 1. Juli 2011, die ersten Bundesfreiwilligen. Inzwischen spricht nicht nur Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) von einem großen Erfolg der Freiwilligen, die in Anlehnung an die „Zivis“ schnell zu „Bufdis“ wurden.

Sie sei sehr froh, dass der Bundesfreiwilligendienst ins Leben gerufen wurde, sagte Schröder am Mittwoch der „Welt“. Keine der Katastrophen, die an die Wand gemalt wurden, sei eingetreten. Statt dessen sei der Zivildienst praktisch kompensiert worden. „Das ist eine familienpolitische Sensation“, so Schröder.

Rund 85.000 Männer und Frauen sind derzeit im In- und Ausland in sozialen Einrichtungen, bei Sport- oder Umweltverbänden aktiv. Ein Großteil leistet allerdings ein Freiwilliges Soziales (FSJ) oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ), das es seit den 1960er Jahren gibt und das von den Ländern gefördert wird.

Aber die Zahl der vom Bund finanzierten Freiwilligen stieg seit August rapide an. 35.000 Plätze gibt es, derzeit leisten rund 33.000 „Bufdis“ ihren Dienst, insgesamt haben sogar 42.200 Männer und Frauen einen Vertrag unterzeichnet - frei nach dem Slogan, mit dem die offizielle Bundesfreiwilligen-Homepage überschrieben ist: „Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden“.

In der Regel sind das zwölf Monate, die Mindestdauer beträgt sechs und im Ausnahmefall kann der Dienst bis auf 24 Monate ausgedehnt werden.

Bewerber müssen ihre „Vollzeitschulpflicht“ absolviert haben. Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht. Und so leisten neben den unter 27-Jährigen auch viele Männer und Frauen ab 51 Jahren den Bundesfreiwilligendienst, bundesweit sind es rund 6.000. Auch der Frauenanteil ist hoch und reicht mit etwa 15.700 fast an den der Männer heran. Sie alle erhalten ein Taschengeld von bis zu 330 Euro. Einige Träger stellen den Freiwilligen auch Unterkunft und Verpflegung.

Die Verbände, die sich von den „Zivis“ auf die „Bufdis“ umgestellt haben, sind ebenfalls zufrieden, äußern aber auch Kritik. Der Dienst sei sehr gut angelaufen, sagt etwa die Pressesprecherin des Deutschen Caritasverbandes, Claudia Beck. Die Caritas könne 3900 Plätze für Bundesfreiwillige anbieten, die Nachfrage sei aber viel größer. Nach Ansicht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) könnten sogar bis zu 70.000 Plätze „gut besetzt“ werden. DRK-Präsident Rudolf Seiters richtete bereits einen Appell an den Bundestag, die Mittel aufzustocken.

Probleme bereitet vielen Verbänden noch die Verwaltung. Die bürokratischen Hürden seien vor allem zu Anfang sehr hoch gewesen, so Susanne Rindt von der Arbeiterwohlfahrt. Auch der jugendpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Ulrich Schneider, bezeichnet den Bundesfreiwilligendienst als „bürokratisches Monster“. Er kritisierte zudem eine Doppelstruktur von Bundesfreiwilligendienst einerseits und den Länderprojekten FSJ sowie FÖJ: Dies verkompliziere das System der Freiwilligendienste.

Das zuständige Bundesamt bemühe sich um Lösungen beim Bürokratieabbau, meint Jens Kreuter dazu, der den Arbeitsstab Freiwilligendienste beim Bundesfamilienministerium leitet. Genau wie bei der Durchführung der Bildungsseminare, die jeder „Bufdi“ besuchen muss und bei deren Organisation es teilweise noch hakt. Es sei eine große logistische Herausforderung, wenn jeder Freiwillige unter 27 Jahren insgesamt fünf Wochen zu Seminaren muss. Auch das werde künftig sicher besser laufen.

Der 20-jährige Pascal Gossing ist einer der „Bufdis“ der ersten Stunde.

Er begann im September seinen Dienst beim Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein in Berlin. Er habe in den vergangenen Monaten „unglaublich viel“ über die Arbeit mit Behinderten gelernt und Hemmungen und Vorurteile abgebaut, berichtet er. Ein solches Jahr könne er jedem nur empfehlen.

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