Brettorf /Neerstedt Eine staubige Schotterpiste im Oldenburger Land. Links Felder, rechts Wald, vorne ein Kontrollpunkt. Familie Wohlers will Familie Harms besuchen, in Brettorf, Gemeinde Dötlingen. Doch der tätowierte Mann mit der orangenen Warnweste hat etwas dagegen, stoppt das Auto.

„Wir sind gerade am Container abbauen. Wenn sie da hinfahren, dann ist das zu gefährlich“, sagt er. Hergen Wohlers, der am Lenkrad sitzt, fragt, ob er hinter der Absperrung wenden darf.

„Das wäre ganz lieb“, sagt der Wachmann und wirkt erleichtert. Vielleicht hat er mit mehr Widerstand gerechnet? Oder mit quietschenden Reifen und einer Verfolgungsjagd?

Jogger weggetragen?

„Das ist nichts persönliches“ fügt der Mann hinzu. „Ich stehe hier und mache meinen Job.“ Der darin besteht, Bürger von der Baustelle des Windparks Haidhäuser in Brettorf fernzuhalten. Aus Sicherheitsgründen, heißt es.

Rund 400 Hektar Feld, Wald und Wiese hat die private Sicherheitsfirma im März 2016 abgeriegelt. Absperrgitter, Alarmanlagen, Autokennzeichenerfassung. Für zwölf Windräder. Auf Wunsch der Gemeinde Dötlingen.

Im Frühjahr und Sommer sollen sich hier teilweise dramatische Szenen abgespielt haben: Ein alte Frau wird vom Fahrrad geholt, ein Jogger aus dem Gelände getragen, ein Landwirt angeblich mit einer Waffe bedroht. So erzählen es die Kritiker des Windparks.

Inzwischen sind die Absperrungen weitestgehend beseitigt, drehen sich die Windräder. Doch die Aufregung in dem kleinen Ort hat sich nicht gelegt. Eine Bürgerinitiative versucht, den Windpark zu stoppen. Mit Widersprüchen. Mit Klagen.

In Brettorf wird mit harten Bandagen gekämpft, mit Vorwürfen und Anwälten. Das Thema Windkraft hat den Ort gespalten: in Befürworter und Gegner, Gewinner und Verlierer, Profiteure und Leidtragende. Ostfriesische Verhältnisse im Oldenburger Land.

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Ein Haus am Ortsrand von Brettorf. Im Wohnzimmer haben sich einige von denen versammelt, die keinen Windpark wollten, die kein Land verpachtet haben, die sich von der Gemeinde, vom Kreis Oldenburg, vom Investor übers Ohr gehauen fühlen.

Da ist das Ehepaar Younes, Eigentümer des ehemaligen Munitionslagers Uhlhorn. Eine eingezäunte Wald- und Heidefläche, halb Gewerbe-, halb Naturschutzgebiet – plötzlich im Schlagschatten von riesigen Windmühlen. „Das ist eine Existenzbedrohung“, sagt Kerstin Younes.

Da ist die Familie Wohlers, die das Angebot des Windparkbetreibers für ihr Land abgelehnt hat. „Wir wollten das uns und unseren Nachbarn nicht zumuten“, erklärt Hergen Wohlers.

Da ist die Familie Harms, die besonders unter den Absperrungen gelitten hat, zumindest anfänglich: keine Post, keine Müllabfuhr, ein 80. Geburtstag unter erschwerten Bedingungen. „Alles war zu“, klagt Herbert Harms.

Die Geschichte des Windparks Haidhäuser beginnt vor drei Jahren und geht kurz gefasst so: Die Gemeinde Dötlingen will mit neuen Windrädern ihre Gewerbesteuereinnahmen aufbessern. Als Standort wird eine große Fläche im Ortsteil Brettorf ausgewählt. Mit der Volksbank Wildeshauser Geest findet sich ein heimischer Investor. Vier Gesellschaften werden gegründet, für Bau, Infrastruktur, Eigentümer und den geplanten Bürgerwindpark, der sechs der Windräder betreiben soll. Irgendwann.

In Brettorf bildet sich eine Bürgerinitiative, verteilt Flyer, sammelt Unterschriften gegen den Windpark. Mehr als die Hälfte der rund 800 Einwohner von Brettorf unterschreibt angeblich.

Die Gemeinde ändert für den Windpark den Flächennutzungsplan. Das ehemalige Munitionslager wird dabei wieder herausgeschnitten, weil das Ehepaar Younes sich quer stellt. Fast alle anderen Flächenbesitzer in dem rund 220 Hektar großen Areal lassen sich dagegen überzeugen.

Obwohl der Windpark im Naturpark Wildeshauser Geest liegt, sieht der Landkreis keine Konflikte mit dem Natur- und Artenschutz – und erteilt im September 2015 die Genehmigung für den Bau von zwölf Anlagen mit einer Nabenhöhe von 137 beziehungsweise 141,50 Metern. Am 5. August 2016 geht der Windpark an Netz.

In ihrem Büro in Friesoythe kämpft sich Jutta Engbers durch einen Wust von Unterlagen zum Fall Brettorf. Die Fachanwältin für Verwaltungsrecht vertritt Mitglieder der Bürgerinitiative. Die Planungsfehler und Rechtsbrüche, die sie in Brettorf erkannt haben will, füllen seitenweise Papier.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände seien nicht eingehalten worden, sagt Engbers: zu Naturschutzgebieten, zu Fledermausbunkern, zur genehmigten Wohnnutzung im Munitionslager, zum benachbarten Windpark Hengsterholz in der Gemeinde Ganderkesee.

Klage gegen Gemeinde

Die Absperrungen für den Bau des Windparks hält die Anwältin für überzogen. „Die wollten nicht vorzeigen, was sie da machen, weil sie sich nicht an alle Regeln gehalten haben.“ Engbers vermutet, dass ohne Genehmigung Gräben und Bäche verlegt sowie Bäume gefällt wurden.

„Die für die Baumaßnahme notwendigen Baumfällungen und die wasserrechtlichen Eingriffe wurden im landschaftspflegerischen Begleitplan berücksichtigt und sind Bestandteil der Genehmigungen“, erklärt der Landkreis.

Anwältin Engbers will den Windpark mit einer Klage vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg stoppen. Weil Dötlingen keine Wohnbebauung im Munitionslager mehr zulassen will. Weil das Ehepaar Younes um Mieteinnahmen aus dem Gewerbegebiet fürchtet.

Wohnnutzung war dort nie zulässig, sagt die Gemeinde. War sie doch, sagt Engbers. Und daran ändere auch ein neuer Bebauungsplan nichts. Die Anwältin vermutet, dass die bisherigen Bewohner des Munitionslagers gedrängt wurden wegzuziehen, spricht von „komischen Ereignissen“. Das OVG wird voraussichtlich im November verhandeln. Weitere Klagen sind möglich.

Einige Kilometer weiter, in Neerstedt, erzählt man eine ganz andere Geschichte vom Windpark Brettorf. Eine Erfolgsgeschichte. Etwa im Rathaus. Bürgermeister Ralf Spille (CDU) hofft auf rund 360 000 Euro jährlich für die Gemeindekasse. Die Einwände der Bürgerinitiative? Sind für Spille kein großes Thema mehr. „Wir haben alles gemacht, was rechtlich notwendig ist“, betont er. Dass mindestens zwei Ratsmitglieder finanziell vom Windpark profitieren hält Spille für unbedenklich. Sie hätten an Abstimmungen über den Bau nicht teilgenommen.

Dötlingens Bauamtsleiter Uwe Kläner legt die Genehmigungen für die Absperrungen auf den Tisch, spricht von anfänglichen Problemen. „Man hat sich in der Regel arrangiert.“ Für die Anwohner habe es Ausweichstraßen gegeben, jeder Landwirt sei zu seinen Flächen gekommen.

Die Volksbank Wildeshauser Geest residiert direkt neben dem Rathaus. Die Wege sind kurz.

Rund 70 Millionen Euro hat die Bank laut Vorstand Frank Ostertag in den Windpark investiert, in ein neues Geschäftsmodell. Eine große Summe für ein kleines Kreditinstitut. „Es geht um regionale Förderung und Wertschöpfung“, erklärt Ostertag.

Mit am Tisch sitzt Hermann Raschen, freigestellter Banker, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, rotes Tuch für die Windparkgegner. Er spricht von „Anfangsproblemen“ bei der Planung. „Wenn solche Projekte sind, finden sie natürlich Menschen, die sagen, ok, das finde ich gut. Und andere sagen, das finde ich weniger gut.“ Alles sei sauber abgearbeitet worden.

Der Bau eines Windparks hat Brettorf wohl verändert, wie viele Gemeinden im Nordwesten. „Das Dorf ist gespalten“, sagt Hergen Wohlers. „Man fühlt sich nicht mehr wohl“, fügt sein Vater Alfred Wohlers hinzu. Ihr Kampf gegen die Windmühlen geht weiter.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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