München Dass die Schreckensmeldungen aus Kassel nicht abreißen wollen – schon wieder findet man weitere Ausstellungsstücke mit antisemitischen Motiven und kommuniziert nicht richtig darüber –, hängt mit dem unglaublichen Schaden zusammen, den die viel zu spät entlassene Geschäftsführerin Sabine Schormann angerichtet hat.

Sie war völlig überfordert zunächst mit der professionellen Führung von Geschäften, dann mit dem intellektuellen Verstehen der Problematik, mit der sinnvollen Aufarbeitung des Skandals, mit einer angemessenen Kommunikation und schließlich mit der persönlichen Übernahme von Verantwortung. Dass sie damit dem schlechtesten Klischee politischer und kultureller Entscheidungsträger Glaubwürdigkeit verlieh – Inkompetenz und dennoch starrsinniges Kleben am Job mit Schuldzuweisungen in alle Richtungen außer zu sich selbst –, ist nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass sie ein Trümmerfeld in all jenen Bereichen hinterlässt, die zugleich zentral und verletzlich sind: Politik, Kultur und Wissenschaft. Und dies auf einem inhaltlichen Feld, dessen Umrisse in Deutschland eigentlich nicht mehr verhandelbar sein sollten, Antisemitismus.

Barsche Umdeutung

Im politischen Bereich hat Schormann eine Dynamik in Gang gesetzt, die mit barschen Umdeutungen und kulturellen Relativierungen (in anderen „lokalen Kontexten“ gebe es eben andere „Lesarten“) gearbeitet und dadurch jüdische Gemeinden und Verbände immer wieder gezwungen hat, auf die Präsenz und Gefahren des Antisemitismus hinzuweisen. Auf frühe Warnungen schon im Januar reagierte sie sofort mit dem keulenartigen Vorwurf „rassistischer Diffamierungen“, brachte Debattenreihen nicht zustande und verschanzte sich trotz der Rede von Offenheit, Vielstimmigkeit und „Diskursräumen“ in einer wagenburgartigen Abwehrhaltung.

Unzählige Gesprächsangebote jüdischer Gemeinden und Verbände wurden ignoriert und am Schluss sogar noch der unermüdliche Meron Mendel vergrätzt. Die Juden, wurde suggeriert, könnten sich doch mal ein bisschen lockerer machen und sollten nicht immer so empfindlich sein.

Offener Antisemitismus

Und so sahen sich einmal mehr die Vertreter der jüdischen Gemeinden und Verbände in die Position gedrängt, sagen zu müssen, dass Hakennasen und SS-Runen antisemitisch sind und man auf Antisemitismus nicht mit Ignoranz und Verharmlosung reagieren darf. Eigentlich hatte man gehofft, dass diese Dynamik in Deutschland nicht mehr existiert. Aber auch die niedersächsische Landesregierung hat es verpasst, hier ein eindeutiges Zeichen zu setzen.

Ulrich Haltern ist Juraprofessor in München, lebt in Hannover und war Mitglied der Jury für den Niedersächsischen Staatspreis. Er hat erfolglos von Ministerpräsident Stephan Weil die Abberufung von Sabine Schormann aus dieser Jury gefordert und ist daraufhin Anfang Juli selbst zurückgetreten. (Foto: privat)

Im kulturellen Bereich ist nicht nur die documenta beschädigt wie nie zuvor; gerufen wird inzwischen nach sofortiger Unterbrechung oder gar Abschaffung. Die offen antisemitischen Elemente der gezeigten Kunst sind ja nur die Spitze eines Eisbergs. Gearbeitet wird mit unfassbar kruden Gegenüberstellungen von einfachen, unschuldigen Bauern auf der einen Seite und dem finsteren internationalen Kapital auf der anderen Seite. Das ehrliche und arbeitsame Landvolk wird gegängelt von degenerierten Schweinen in US-Flaggen, dunklen Mossadfiguren und Monsanto.

Da ist expliziter Antisemitismus bloß Teil des größeren Problems subtileren Antisemitismus und der Weg zur Terrorverherrlichung nicht weit. Deutsche kennen diese propagandistische Bildersprache. Sich so etwas als Perspektive eines globalen Südens vorhalten lassen zu müssen, erstickt die Potentiale einer anderen künstlerischen und politischen Perspektive im Keim. Statt hierüber wenigstens einen Dialog in Gang zu setzen, hat die Geschäftsführung das Kuratorenkollektiv aus Diskussionen herausgehalten und das vielzitierte lernbereite Gespräch komplett verhindert.

Postkolonialer Jargon

Die Wissenschaft schließlich hat die promovierte Germanistin desavouiert, indem sie den Jargon des Postkolonialismus zur Rechtfertigung benutzt hat. Sie hat auch, mit schlechten juristischen Argumenten, die Kunstfreiheit gegen Antisemitismus ausgespielt, obwohl zwischen Nichtstun und Zensur eine riesige Spannbreite an Verhaltensmöglichkeiten besteht, die die Antisemitismusproblematik behutsam angehen und gleichzeitig die freie kuratorische Arbeit von Ruangrupa gewährleisten können. Wie stehen Geisteswissenschaftler jetzt da? Wieder einmal als abgehobene Pseudo-Intellektuelle, die groß daherquatschen und dabei Unheil anrichten.

Irgendwie ist dies auch die Geschichte einer ideologischen Anbiederung. Die künstlerische Leitung der documenta scheint mit „lumbung“ ein machtfreies Gemeinschaftserlebnis im Sinn gehabt zu haben. Das ist eine schöne Utopie, die man auch aus anderen kulturellen Einrichtungen kennt, die in einem hochsubventionierten und politisierten Raum aber nicht funktionieren kann.

Hier kann man Macht nicht einfach in Abrede stellen, sondern muss sie demokratisch strukturieren und verantwortungsvoll kanalisieren. Diese Aufgabe lag bei der Geschäftsführung, aber auch hierin hat sie in übergroßer Nähe zur künstlerischen Leitung versagt.

Stattdessen hat sie die Verkumpelung von Macht ermöglicht und Verantwortlichkeitskanäle verhindert. Dass dies ausgerechnet auf dem Rücken von Juden geschieht, ist ein echter deutscher Skandal, der mit der Entlassung Schormanns noch lange nicht bewältigt ist.

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