Meseberg Wie hingemalt liegt das weiße Barockschloss am Hugenowsee, der Rasen wird noch für die hohen Gäste gesprengt. Ein Postkartenmotiv. So viel Polizei ist sonst nie in dem kleinen brandenburgischen Dorf Meseberg. Ein Mann brüllt mehrfach Richtung Schloss: „Merkel muss weg“ und „Volksverräterin“. Schon diese Szene zeigt: Anno 2018 ist einiges anders im Land. Und auch im Kabinett ist die Polarisierung spürbar.

Zunächst gibt es das übliche Prozedere zu Beginn einer Klausur des Kabinetts in Schloss Meseberg, dem Gästehaus der Bundesregierung, das Theodor Fontane bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg als „Zauberschloss“ adelte. Eine schwarze Limousine nach der anderen fährt in den Hof, die Ministerinnen Julia Klöckner (CDU/Agrar) und Katarina Barley (SPD/Justiz) tauschen sich über die Herausforderung aus, mit Stöckelschuhen über das Pflaster zu laufen.

Im Schlossgarten betont Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), so eine Klausur sei wie ein „Politikcamp“, die Bürger erwarteten, „dass wir miteinander Lösungen finden“. Es ist eine Tradition geworden, sich zu Beginn einer neuen Regierung zwei Tage, weit weg von der Hektik Berlins, in die Idylle Brandenburgs zurückzuziehen, unterstützt von externen Experten. Abends trinkt man ein Gläschen – und baut manches Vorurteil ab, denn eigentlich sind die „Schwarzen“ und „Roten“ ja politische Gegner.

Spätestens seit dem Agieren in der Flüchtlingskrise hat sich das Land verändert. Die AfD beeinflusst mit ihren Wahlerfolgen die Agenda der Großen Koalition von Union und SPD, die sich noch einmal zu einer Regierung durchgerungen haben – obwohl sie gemeinsam fast 14 Prozentpunkte verloren hatten. In der SPD sehen sie einen erheblichen Autoritätsverlust bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sind durch den Dissens mit Merkel beim Flüchtlingsthema zu Widersachern geworden – auch durch die Einbindung ins Kabinett lassen sie sich kaum disziplinieren.

Sie bestimmen derzeit die Debatte, sei es mit den rhetorischen Fragen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder ob der Staat in Deutschland in einigen Gegenden nicht mehr in der Lage ist, Recht durchzusetzen. Beim Familienfoto im Schlossgarten schiebt Merkel Spahn auf die Seite, damit sie mit Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) und Seehofer nach vorne in die Mitte kommt.

Taktik der SPD ist es, die Füße stillzuhalten, durch gutes Regieren Vertrauen zurückzugewinnen. Aber gewinnt man Profil, wenn man wenig sagt, um den Konflikt innerhalb der Union greller strahlen zu lassen? Doch diese Befind- und Empfindlichkeiten gehen vielleicht etwas an der Problemlage in der Welt vorbei.

Während das Kabinett versucht, im Schloss in Ruhe einen Teamgeist zu entwickeln, passiert in der Welt draußen so einiges. US-Präsident Donald Trump sagt am Dienstag eine Südamerikareise ab, begründet wird dies mit einer neuen Verschärfung in Syrien – bei einem möglichen Chemiewaffen-Angriff in der syrischen Stadt Duma soll es Dutzende Tote und Hunderte Verletzte gegeben haben. Im Inland kündigt während der Klausur der vom Dieselskandal schwer gebeutelte VW-Konzern an, die Spitze umzubauen – Markenchef Herbert Diess soll VW-Konzernchef Matthias Müller ersetzen.

Es gibt also mehr als genug zu tun. So ist die Schlossidylle in vielerlei Hinsicht eine trügerische. Es passt ins Bild, dass während einer Sitzung im nahegelegenen Dorf ein Sirenenalarm ertönt, es brannte aber wohl nur eine Böschung.

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