Hannover Das Andenken an den ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf (1893-1961, SPD) sorgt wieder für Diskussionsstoff in der Landeshauptstadt Hannover. Landtagspräsident Bernd Busemann forderte in einem Brief an Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD), Kopf das Privileg eines Ehrengrabes auf dem Friedhof Stöcken nicht zu entziehen. Das hatte kürzlich der Kulturausschuss der Stadt beschlossen, weil Kopf nach einer neuen Satzung der Stadt dieser Ehre unwürdig sei.

„Das kann als posthume Herabwürdigung aufgefasst werden. Ein solcher Umgang mit einer der wichtigsten historischen Figuren unseres Landes wird der Bedeutung Kopfs für Niedersachsen und auch für Hannover nicht gerecht“, heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Brief.

Hintergrund des städtischen Ausschussbeschlusses ist die Debatte um Kopfs Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Historikerin Teresa Nentwig hatte enthüllt, dass sich Kopf damals auf Kosten verfolgter Juden bereichert hatte. Daraufhin hatte die Stadt im April bereits den Platz vor dem Landtag in Hannah-Arendt-Platz umbenannt - mit Busemanns ausdrücklicher Zustimmung.

NWZ-Redakteur Alexander Will hat sich im oberschlesischen Czieschowa (heute Cieszowa) umgesehen, an jenem Ort also, an dem Kopf sich schuldig gemacht haben soll. Seine Recherche führt zu einer differenzierteren Sicht der Dinge.

Kein Frieden für Gründervater Hinrich Wilhelm Kopf

Unschuldiger „Friedhofsschänder“

„Für mich war bei der Entscheidung zur Umbenennung des Platzes vor dem Leineschloss ausschlaggebend, dass Hinrich Wilhelm Kopf dem Landtag nicht die volle Wahrheit über seine Tätigkeit vor 1945 gesagt hat“, begründet Busemann seine unterschiedliche Wertung. Da die wissenschaftliche Aufarbeitung über Kopfs Schuld aber nach wie vor kontrovers geführt werde, sei ein endgültiges moralisches Urteil nicht angebracht.

Sollte die Stadt dem Grab tatsächlich den Ehrenstatus entziehen, kündigte Busemann an, in seiner Rolle als Landtagspräsident eine Grabmalpatenschaft übernehmen zu wollen. „Als Teil einer solchen Patenschaft würde ich gerne dafür sorgen lassen, dass Hinrich Wilhelm Kopfs Grabmal weiterhin angemessen gepflegt und mit Blumen geschmückt wird“, betonte er. Generell erhalten will die Stadt das Grab dem Vernehmen nach schon. Eine Einebnung steht derzeit nicht an, sie könnte aber später schon noch erfolgen.

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