Die frühere RAF-Terroristin Silke Maier-Witt hat Jörg Schleyer, den Sohn des 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, um Entschuldigung für ihre Beteiligung an der Ermordung Schleyers gebeten. Maier-Witt selbst war nach eigener Darstellung und auch dem wenigen, was wir über die RAF-Taten wissen, nicht unmittelbar an der Tötung des Arbeitgeberpräsidenten beteiligt. Sie hatte die Nachricht von Schleyers Tod am 19. Oktober 1977 an die Presse gemeldet. Auch war sie an der Protokollierung der „Verhöre“ beteiligt. Der Arbeitgeberpräsident war in seiner mehr als siebenwöchigen Geiselhaft von RAF-Terroristen „verhört“ worden.

So traurig und erschütternd das späte Eingeständnis ist, es ist eine der wenigen Kontaktaufnahmen von Terroristen der RAF und den Angehörigen ihrer Opfer. Die zählen leider zu den Ausnahmen in der Geschichte der RAF. Von 1970 bis 1998 ermordeten die RAF-Terroristen 34 Menschen (darin sind nur die Opfer der RAF enthalten, dazu kommen der von der Gruppierung „2. Juni“ ermordete Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann oder der von den „Revolutionären Zellen“ erschossene hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry).

Hauptgrund des Schweigens gegenüber den Opfern ist das Schweigegelübde, das die Terroristen abgaben – für den Fall der Festnahme. Mittlerweile werden nur noch drei ehemalige RAF-Terroristen (Daniela Klette, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub) gesucht – und zwar wegen einer Überfallserie, die offenbar zur Finanzierung ihres Lebens im Untergrund dient. Die anderen sind nach Verbüßung von Haftstrafen wieder auf freiem Fuß oder wurden bei Festnahmeversuchen getötet.

Zu denen, die geredet haben, zählt Peter-Jürgen Boock. Er selbst war an der Entführung Schleyers beteiligt, wofür er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Seinen widersprüchlichen Aussagen in Strafprozessen verdankt er den Beinamen „Karl May der RAF“, was von den Verteidigern der durch Boock Belasteten gern zur Relativierung der Tatbeteiligung ihrer Mandanten in die Welt gesetzt wurde. Und das Bild ist schief, denn Karl May war ein Hochstapler und ein erfolgreicher wie erfindungsreicher Schriftsteller. Boock verdanken wir einen konkreten Hinweis auf das immer noch nicht komplett geklärte Attentat auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Ohne Boock hätte Bubacks Sohn Prof. Dr. Michael Buback niemals erfahren, dass die Terroristin Verena Becker eng in das Attentat verwickelt war, womöglich selbst die tödlichen Schüsse abgefeuert hat. Buback startete eine – von Behörden wenig unterstützte – jahrelange Recherche, die Becker auf die Anklagebank brachte.

Für die allermeisten der „Ehemaligen" ist neben dem Schweigegelübde die Frage nach dem eigenen Lebensentwurf hinderlich bei einer Aussage über ihr Täterwissen. Für wenige der 68-er und ihrer Nachfolger der 80er Jahre war die RAF als Lebensform attraktiv: Das Leben im Untergrund, der Einsatz für die Idee der Stadtguerilla nach lateinamerikanischem Vorbild, hatte eine Art revolutionären Reiz. Redet man als Täter über die während der RAF-Mitgliedschaft begangenen Straftaten, steht dieser Lebensentwurf infrage, bleibt nichts mehr von der Idee.

Silke Maier-Witt war eine der RAF-Aussteigerinnen, die in der DDR Unterschlupf fanden, bevor sie 1990 enttarnt wurde. Vielleicht hat ihr kleinbürgerliches Leben in der DDR die Aussage vor Gericht erleichtert und auch die späte Bitte um Entschuldigung bei der Familie Schleyer.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.