Der für seine ausgewiesene Klugheit bekannte Professor Kurt Biedenkopf, einst „König von Sachsen“, mit guten Gründen 1976 zum „Vater der Mitbestimmung“ ausgerufen, findet die Aufregung ziemlich übertrieben. Auch dem mit Helmut Kohl auf Lebenszeit zerstrittenen Ökonomen war zu Ohren gekommen, dass Bertin Eichler, IG-Metall-Funktionär und Aufsichtsrat bei Thyssen-Krupp, fünfmal in der superteuren „Ersten Klasse“, hoch über den Wolken, durch die Welt gereist war. Wenn es sich die Arbeitgeber bei Kaviar und Gänseleber in der „First class“ gut gehen lassen, warum dann nicht auch Eichler? Sind Gewerkschafter und Manager nach dem Mitbestimmungsgesetz nicht gleichberechtigt?

Die Stahlkocher am Hochofen, treue Mitglieder der IG-Metall, sehen den Fall Eichler wohl anders. Berthold Huber, Boss der mächtigen Industriegewerkschaft, hat Eichler inzwischen ins Gebet genommen. Dem Kollegen habe es an Sensibilität gemangelt, er selber sei noch nie in die „First“ eingestiegen. Eichler, der Luxusreisende, hat, keineswegs zerknirscht, inzwischen eingeräumt: „Es ist nicht alles richtig, was zulässig ist und üblich war“. Aha, es war also üblich. Im BMW-Aufsichtsrat sitzt er noch bequem. Bei Thyssen-Krupp muss er nun gehen.

Kurt Biedenkopf hat die „Aufgeregtheiten“ beanstandet. Gut, es handelt sich wirklich nicht um eine Krise der Mitbestimmung. Die hat sich in fast 700 paritätisch besetzten Aufsichtsräten über die Jahrzehnte gut bewährt. Es ist nur nicht zu übersehen, dass es manchen Top-Managern gelungen zu sein scheint, die Gewerkschafter im eigenen Unternehmen handzahm zu machen, so dass die Arbeitnehmervertreter eher geneigt sind, abzusegnen, was die Vorstandsherren auf den Tisch legen. Das Thema ist nicht brandneu, und es sind, will man hoffen, Einzelfälle, wie jetzt bei Thyssen-Krupp.

Ein Mann wie Berthold Huber genießt Ansehen. Ihm käme es, so sagt er, nie in den Sinn „Erster Klasse“ zu fliegen. Das glaubt man ihm.

Nur haben manche Kollegen in der IG-Metall gefragt, warum ihr Vorsitzender, Aufsichtsrat bei Volkswagen, das wahrlich sagenhafte Gehalt von 17 Millionen für den bestimmt hochfähigen VW-Chef Martin Winterkorn sogleich abgesegnet hat. Hätte Kollege Huber da nicht mal kritisch nachfragen müssen? Das Leben im großen Stil ist die Gewohnheit von protzenden Kapitalisten. Es darf nicht der Stil von Gewerkschaftern sein.

Richtig ist, dass die Arbeitnehmervertreter in großen Unternehmen 90 Prozent ihrer üppigen Bezüge an die nach dem Gewerkschafter Hans Böckler benannte Stiftung abzuführen haben. Es ist nur so, dass einige, wenn sie mit schönen Limousinen ausgestattet werden, zeitweilig zu vergessen scheinen, woher sie kommen.

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