CANCÚN Als alles vorbei ist, gönnen sich einige der erschöpften Gipfelteilnehmer noch frühmorgens ein Bad in der Karibik. Während Pablo Solón wortreich vor den Kameras erklärt, warum das kleine Bolivien sich einen bei Klimakonferenzen beispiellosen Machtkampf mit dem Rest der Welt geliefert hat, beginnt in der Hotelanlage „Moon Palace“ der große Kehraus. Man sieht sich wieder in einem Jahr im südafrikanischen Durban. Erst dann lässt sich sagen, was der am Tag danach gerühmte „Geist von Cancún“ wert ist.

Industrie ist spektisch

Die deutsche Wirtschaft sieht den Abschluss der Weltklimakonferenz in Cancún als Teilerfolg auf dem Weg zu einem globalen Abkommen. „Cancún ist zwar ein wichtiger Schritt, aber letztlich nur ein Trippelschritt“ in diese Richtung, sagte der Hauptgeschäftsführer der Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, am Sonntag in Berlin. Wichtig sei jetzt, dass die EU daran festhält und nicht einseitig weiter vorprescht.

„Die EU kann dann ihr Treibhausgas-Reduktionsziel auf 30 Prozent aufstocken, wenn sich auch alle anderen Industrie- und Schwellenländer auf ehrgeizige Reduktionsziele und Emissionsobergrenzen verpflichten“, sagte Schnappauf. „Sonst verlieren wir in Europa und vor allem in Deutschland moderne Produktionsanlagen und Jobs, ohne den weltweiten Klimaschutz auch nur ein Stück voranzubringen.“

So wie es in Kopenhagen mit 120 Staats- und Regierungschefs überbordende Erwartungen gab, waren sie in Cancún sehr gering. Solche Konferenzen mit 15 000 Teilnehmern sind zu einem guten Stück auch Psychologie. Das Klimapaket von Cancún umfasst nun immerhin Anstrengungen für weniger Co2- Emissionen, Milliardenhilfen für vom Klimawandel bedrohte Inselstaaten und das erstmalig fixierte gemeinsame Bekenntnis im UN- Rahmen, die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius begrenzen zu wollen.

Aber: Verbindlich ist bisher das wenigste. Entscheidender ist, dass zunächst nicht das Klima, sondern der UN-Prozess gerettet worden ist. Bei den abreisenden Delegationen ist eine große Aufbruchstimmung zu spüren. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will sich nun rasch auf EU-Ebene intensiv dafür einsetzen, dass das Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren, auf 30 Prozent hochgestuft wird.

Cancún könnte nun eine Eigendynamik entwickeln. Als Mexikos Außenministerin Espinosa am Sonnabend um 3.31 Uhr sichtlich bleich im Gesicht den Hammer fielen ließ und trotz des Vetos von Bolivien entgegen der UN-Spielregeln verkündete „Die Entscheidung ist angenommen“, gab es tosenden Beifall.

Mexikos Präsident Felipe Calderón mahnt die Weltgemeinschaft zur Eile: „Wir müssen jetzt handeln, wenn wir nicht alle Schaden davon tragen wollen.“

Inseln fordern Eile

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Inselstaaten wie Tuvalu fordern eine weit drastischere Reduzierung der Emissionen, da die Inseln wohl nur bei einer Begrenzung der Erdewärmung auf 1,5 Grad.

Bolivien gehört das Verdienst, dem plötzlichen Euphorieumschwung von Cancún den Spiegel vorgehalten zu haben. Denn die Kritik von Delegationsleiter Solón war eine sachlich vorgetragene Kritik an zu laschen und unverbindlichen Plänen, die die Erderwärmung nicht ausreichend begrenzen würden. Es bleibt Skepsis: Selbst der US-Chefunterhändler von US-Präsident Barack Obama, Todd Stern, betont, dass die geplanten Emissionsminderungen nicht ausreichen dürften, um die Welt zu retten.

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