Rom (dpa) - Bei zwei Schiffsunglücken im Mittelmeer könnten bis zu 170 Migranten umgekommen sein. Ein Unglück mit vermutlich 117 Vermissten ereignete sich am Freitag vor der Küste Libyens.

Ein weiteres soll auf der Spanienroute 53 Todesopfer gefordert haben. Das teilte das UN-Flüchtlingswerk UNHCR am Samstag mit. Am Sonntag geriet vor Libyen nach Angaben von NGOs zudem ein weiteres Boot mit etwa 100 Menschen an Bord in Schwierigkeiten. Derweil rettete ein Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch erneut Migranten auf dem Meer.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) berichtete von einem Schlauchboot, das am Freitag vor Libyen in Seenot geraten war und auf dem nach Angaben von drei Überlebenden insgesamt 120 Menschen gewesen sein sollen. Unter den Vermissten seien auch zehn Frauen und zwei Kinder, eines davon erst zwei Monate alt, erklärte IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo. Die Überlebenden hatte die italienische Marine auf die Insel Lampedusa gebracht.

"Nach zehn bis elf Stunden Fahrt begann dem Boot die Luft auszugehen und es fing an zu sinken. Die Menschen sind ins Meer gefallen und ertrunken", berichtete Di Giacomo der Nachrichtenagentur Adnkronos. An Bord seien vor allem Westafrikaner und etwa 40 Sudanesen gewesen.

Dabei sei bereits ein Rettungsboot der libyschen Küstenwache auf dem Weg zur Unglücksstelle gewesen, sagte deren Sprecher Ajub Kasim. Unterwegs habe das Boot der Küstenwache jedoch eine Panne gehabt.

Seit die populistische Regierung in Italien die Häfen des Landes für Migranten weitgehend geschlossen hat, kommen dort immer weniger Migranten an, die zumeist in Libyen ablegen. Italien und die EU unterstützen die libysche Küstenwache darin, die Menschen wieder in das Bürgerkriegsland zurück zu bringen. Allerdings sind die Schlepper nun über andere Routen ausgewichen, vor allem in Richtung Spanien.

Dort soll es nun im Alborán-Meer zwischen Marokko und Spanien 53 Tote geben, wie das UNHCR unter Berufung auf eine Hilfsorganisation mitteilte. Ein Überlebender habe das in Marokko angegeben, nachdem er 24 Stunden auf dem Meer getrieben und von einem Fischerboot gerettet worden war.

Papst Franziskus betete am Sonntag für die Toten. "Sie suchten eine Zukunft, Opfer vielleicht von Menschenhändlern. Beten wir für sie und für die, die verantwortlich sind."

Vor Libyen geriet dann ein weitere Boot mit 100 Insassen in Seenot, wie IOM-Sprecher Di Giacomo mitteilte. Er bezog sich auf einen Tweet der Hilfsorganisation Alarm Phone, die Seenotfälle meldet. Ein Sprecher von Alarm Phone sagte der Deutschen Presse-Agentur, das Boot laufe voll Wasser. Ein Kind sei bewusstlos oder tot. Italien habe mitgeteilt, man solle sich an Malta wenden. Malta habe auf Libyen verwiesen, von wo zunächst keine Antwort gekommen sei.

Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch steuerte mit ihrem Schiff zur Unglücksstelle, man sei aber Stunden entfernt, sagte Sprecher Ruben Neugebauer. Zuvor hatte die "Sea-Watch 3" 47 Menschen aus Seenot gerettet. Es war allerdings unklar, wohin die Migranten gebracht werden sollen. Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini erklärte sogleich, das Schiffe solle die Menschen "nach Berlin" oder Hamburg bringen.

Europa streitet seit Jahren über eine gleichmäßigere Verteilung von Bootsflüchtlingen. Ein großer Teil reist bislang nach Deutschland. 2017 registrierte Deutschland laut Eurostat 198.000 Asylbewerber, was 31 Prozent aller Erstantragsteller in der EU ausmachte.

"Ohne sichere und legale Wege für Menschen, die Sicherheit in Europa suchen (...), bleibt das Mittelmeer ein Friedhof", twitterte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Seit Beginn des Jahres sind laut IOM im Mittelmeer bereits rund 200 Menschen umgekommen. "Wir dürfen die Augen nicht verschließen, wenn so viele Menschen an der Schwelle Europas sterben", erklärte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi.

Italiens Innenminister Salvini sieht die Schuld für die Toten auch bei den privaten Hilfsorganisationen, die Migranten aus dem Meer bergen. "Solange Europas Häfen offen bleiben, solange jemand den Schleppern hilft, machen die Schlepper leider weiter Geschäfte und töten weiter", erklärte er.

Allerdings sind derzeit kaum mehr NGOs auf dem Meer aktiv. Denn seit letztem Sommer wurden mehrere Rettungsschiffe mit Migranten tagelang auf dem Meer blockiert. Darunter waren zwei Schiffe der deutschen Hilfsorganisationen Sea-Watch und Sea-Eye, die erst nach wochenlangem Gezerre die Migranten an Malta abgeben durften, von wo sie auf andere Länder verteilt werden sollten.

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