Kairo  Die Meinungen, die Hamed Abdel-Samad vertritt, können viele Menschen in Deutschland gut nachvollziehen. In Ägypten, wo der kritische Publizist aufgewachsen ist, gelten seine Thesen dagegen als radikal. Der Deutsch-Ägypter argumentiert, dass die Grundsätze des Islam keine ewige Wahrheit seien, sondern vielmehr im historischen Kontext relativiert werden sollten.

Zwar würden nur sehr wenige Ägypter so weit gehen wie die Salafisten-Scheichs. Jene erklärten den zwischen Ost und West pendelnden Denker im vergangenen Sommer zum „Ungläubigen“, den man töten darf. Auslöser war sein Kommentar über „religiösen Faschismus“.

Doch seine Theorie, wonach die Eroberung der Stadt Mekka durch die Anhänger des Propheten Mohammed die Saat für diesen bis heute nachwirkenden „religiösen Faschismus“ gelegt habe, finden viele Muslime in Ägypten anstößig.

Für seinen Bruder Mahmud, mit dem Abdel-Samad kurz vor seinem Verschwinden noch telefoniert hatte, steht fest, dass islamistische Fanatiker hinter der Entführung stecken. Der Bruder erstattete Anzeige gegen die Al-Gamaa Al-Islamija. Die radikale Bewegung hatte während der Regierungszeit des inzwischen gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi erheblichen Einfluss.

Die Polizei hat bei ihrer Suche nach den mutmaßlichen Entführern nicht viele Anhaltspunkte. Sie weiß nur aus dem letzten Telefonat zwischen Abdel-Samad und einem seiner Brüder, dass ein schwarzes Auto dem Schriftsteller von seinem Hotel bis zu dem Park, in dem er verabredet war, gefolgt war. Zudem wartete der Fahrer des verdächtigen Fahrzeuges auch dann noch auf Abdel-Samad, als jener den Park verließ. Kurz darauf riss der Telefonkontakt zu Abdel-Samad ab.

Intellektuelle, säkulare Denker und Religionsgelehrte, die unorthodoxe Thesen vertreten, sind in Ägypten schon häufig Ziel von Anfeindungen und Angriffen radikaler Islamisten geworden. 1992 wurde der Publizist Farag Foda ermordet. 1994 verletzte ein Fanatiker den Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfus wegen angeblich „blasphemischer“ Äußerungen in einem Roman mit dem Messer.

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