Bagdad /Falludscha Mit einer mittelalterlichen Methode will die irakische Armee die Kontrolle über das rund 65 Kilometer westlich der Hauptstadt Bagdad gelegene Falludscha sichern: Sie hebt einen Graben rund um die Stadt aus, die sie Ende Juni von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zurückerobert hatte. Das erfuhr die Nachrichtenagentur AP exklusiv.

Einem Militärsprecher zufolge geht es einerseits um den Schutz der Menschen in Falludscha, „die so viel Leid durchgemacht haben“, andererseits um den Schutz der Sicherheitskräfte. Die beiden Abschnitte des Grabens seien zusammen etwa elf Kilometer lang, sagt der für Terrorabwehr zuständige Generalleutnant Abdul Wahab Al-Saadi.

Ein Großteil der Einwohner ist aus Falludscha geflohen. Allein die Offensive zur Rückeroberung der Stadt hat im Mai und Juni schätzungsweise 85 000 Menschen in die Flucht getrieben. Jeder, der in die Stadt hinein oder aus ihr heraus will, muss künftig die einzige Straße passieren, die noch nach Falludscha führt: die Hauptstraße Richtung Osten in die irakische Hauptstadt.

Im Westen bildet der Euphrat eine natürliche Barriere. Im Norden haben die Streitkräfte bereits damit begonnen, den 12,5 Meter breiten und 1,5 Meter tiefen Graben auszuheben, der über eine Strecke von sechs Kilometern geplant ist. Der zweite Abschnitt im Süden beziehungsweise Südosten soll fünf Kilometer lang werden.

Darüber hinaus komme auch moderne Technik zum Einsatz, sagt der Bürgermeister von Falludscha, Issa Al-Issawi. Demnach werden persönliche Daten der geflüchteten Einwohner elektronisch gespeichert, fälschungssichere Ausweise ausgegeben und Autos der Einheimischen mit Chips gekennzeichnet.

Dabei geht es nicht nur darum, unerwünschte Personen und Fracht aus Falludscha fernzuhalten, sondern auch um diejenigen, die die Stadt verlassen. Falludscha war nach dem Sturz von Saddam Hussein ein Zentrum des sunnitischen Widerstands gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad. Im Januar 2014 brachten die sunnitischen Extremisten des IS Falludscha als erste große Stadt im Irak unter ihre Kontrolle.

Vereinzelt beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass Sicherheitsmaßnahmen wie der Graben um Falludscha nur kurzfristig Wirkung zeigen. Langfristig muss es im Irak um Versöhnung zwischen Sunniten und Schiiten gehen.

Die irakische Armee hatte etwa 21 000 Flüchtlinge aus Falludscha wegen mutmaßlicher Verbindungen zum IS vorübergehend festgenommen, sagt Generalleutnant Al-Saadi. Etwa 2000 davon seien noch in Gewahrsam. Man werde mehreren zehntausend Geflüchteten erlauben, nach Falludscha zurückzukehren. „Wir müssen ein neues Kapitel aufschlagen. Es gibt keinen anderen Weg zur Versöhnung“, sagt er. Bestraft werden sollten nur diejenigen „mit Blut an den Händen“. Ähnlich äußert sich Regierungssprecher Saad Al-Hadithi. „Wir dürfen Menschen nicht wegen ihrer Absichten verurteilen.“

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