Fulda /Berlin Frank Bsirske redet nicht lange um den heißen Brei herum. „Das ist ein klarer Handlungsauftrag, den Streik fortzusetzen“, sagt der Chef der mächtigen Gewerkschaft Verdi am Samstag nach seinem Treffen mit rund 300 „Streikdelegierten“ in Fulda. Fast 70 Prozent Ablehnung eines Schlichterspruchs - so etwas habe er noch nie erlebt. Soll heißen: Ein „Draufsatteln“ der Arbeitgeber in letzter Minute am Donnerstag - oder es kommt nach diesem „eindeutigen Signal“ der Gewerkschaftsbasis erneut zu Streiks der Erzieher und Sozialarbeiter in kommunalen Kindertagesstätten.

Wer bereits im Mai mit seinen Kindern vor verschlossenen Kita-Türen stand, darf sich also schon mal nach Alternativen für den Spätsommer oder Herbst umsehen. Denn der Arbeitgeberverband VKA macht am Wochenende klar: Über den Schlichtervorschlag im Gesamtvolumen von 3,2 Prozent hinaus geht für Städte und Gemeinden nichts mehr, damit ist die Schmerzgrenze erreicht. „Die Gewerkschaften haben mit unrealistischen Forderungen und durch ihr aggressives Vorgehen Erwartungen geweckt, die nicht zu erfüllen sind. Sie sind nun offenbar nicht mehr in der Lage, den Tarifkonflikt zu beenden“, heißt es beim VKA.

Mehr gesellschaftliche Anerkennung für frühkindliche Bildung, eine Aufwertung der Sozialberufe, höhere Eingruppierungen mit im Schnitt 10 Prozent mehr Geld - Verdi und GEW waren Anfang des Jahres nicht gerade bescheiden in den Tarifkonflikt marschiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Auseinandersetzungen des öffentlichen Dienstes konnten sich die Kita-Beschäftigten dabei über breite Sympathie freuen: Auch nach wochenlangen Streiks äußerten Ende Mai noch 61 Prozent der Bundesbürger Verständnis. Selbst betroffene Eltern gestanden den Angestellten zu, sie würden für ihren Stress-Job unter Wert bezahlt.

Dieser Rückenwind könnte nun, da ein unterschriftsreifes Ergebnis mit Gehaltszuwächsen zwischen 2 und 4,5 Prozent auf dem Tisch liegt, in Gegenwind umschlagen. „Wenn wir jetzt nochmal streiken, müssen wir damit rechnen, dass die Öffentlichkeit viel kritischer draufblickt“, räumt ein Verdi-Sprecher ein. Doch das habe Bsirske bereits gewusst, bevor er mit Bauchschmerzen wegen des Schlichterspruchs die Befragung der Basis startete.

Der Verdi-Vorsitzende hätte mit dem Ergebnis der beiden Schlichter - Sachsens Ex-Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) und der einstige Hannoveraner Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) - auch einigermaßen leben können. Denn in der Gewerkschaftszentrale ging man ohnehin davon aus, dass „die Aufwertung von sozialen Berufen nicht in einem Schritt“ möglich ist. Hat sich der erfahrene Tarifstratege Bsirske im Grundsatzkonflikt um die Kita-Berufe also verzockt?

Auch wenn manche Beobachter das nun so sähen: Beschädigt sei Bsirske, der am 22. September beim Bundeskongress in Leipzig erneut zum Verdi-Chef gewählt werden will, nach dem Nein der betroffenen Mitglieder keineswegs, sagt der Sprecher. Denn: „Demokratie trägt manchmal das Risiko in sich, dass eine Abstimmung so ausgeht, wie die Leute es wollen.“

Und was „die Leute“ - sprich: Beschäftigte mit Verdi-Mitgliedsausweis - wollen, ist am Samstag in Fulda kaum zu überhören. So sagt Andrea Grimmer, die in einer Kita im hessischen Wetzlar arbeitet: „Wenn es nicht anders geht, streiken wir weiter. Wir freuen uns nicht, aber das ist die Konsequenz.“ Auch ihre bayerische Kollegin Anja Groen lehnt das Ergebnis der Schlichtung ab, das viele der rund 240 000 Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst fast leer ausgehen lässt: „Wir nehmen lieber gar nichts als diesen Spruch.“

Ob und wann es wirklich ernst wird für Millionen Eltern und ihre Kinder, dürfte sich in den nächsten Tagen herausstellen - spätestens wohl nach einer Wiederaufnahme der Tarifgespräche von Gewerkschaften und VKA am 13. August. Verdi kündigt für den Fall des Scheiterns der Verhandlungen aber bereits „unkonventionelle Streikformen“ an. Es soll „spannend bleiben“, sagt Bsirske. Glücklich wäre dann wieder, wer Oma und Opa für den Nachwuchs in petto hat.

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