Die DDR in den letzten Monaten ihrer Existenz ahnte bis zum Mauerfall zu keinem Zeitpunkt, dass diese die letzten Monate ihrer Existenz sein könnten. Obwohl militärisch gut gerüstet und grenzgesichert stabil, geriet sie wirtschaftlich und innenpolitisch immer mehr in eine labile Situation. Trotz eines informellen Erkundungs- und Schutzsystems namens Ministerium für Staatssicherheit, das Hunderttausende Quellen anzapfte, um alles zu wissen und bestens vorbereitet zu sein auf vieles. In einer Phase der inneren und wirtschaftlichen Labilität bröckelte und bröselte die Allmacht an vielen Stellen, und doch wusste niemand die Ernsthaftigkeit der Erschütterung richtig einzuschätzen.

Probleme zu komplex

Die Sprache der Macht verfing sich in ihren Klischees. Wer sich auf zu viele Eventualitäten und Probleme einstellt, hat eigentlich schon versagt. Menschen wollen weg Richtung Westen, in wichtigen Dienstleistungsberufen fehlen die Mitarbeiter, Staatsschulden müssen mit neuen Schulden bezahlt werden – und damals gab es keine Minus-Zins-Phase. Natürlich erkannte die Stasi einige Probleme, in den Akten findet sich viel Unmut darüber, aber es wurden zu viele Probleme, sie gerieten zu komplex und waren einfach nicht mehr wegzuverhaften. Im Westen erschienen immer mehr Pro­blemberichte, gespeist immer häufiger und offener aus ostdeutschen Quellen: zu Umweltzerstörungen, Problemen beim wirtschaftlichen Zusammenwirken der sozialistischen Länder, mangelnden Ersatzteilen, Rohstoffen, Devisen.

Zunehmend rutschte die Realität durch die perfidesten Raster der Wahrnehmung. Es gab interessante Übereinstimmungen zwischen dem Zerbröseln der wirtschaftlichen Fähigkeiten Ostdeutschlands und dem Abnehmen geheimdienstlicher Erkenntnisgewinnung. In beiden Bereichen geschah zu viel zur gleichen Zeit, um alles richtig erfassen und gegensteuern zu können.

Wirtschaftlich gesehen, im Vergleich zum hoch entwickelten Westen, verpasste der ganze Ostblock den Anschluss an die Entwicklung – den Aufbruch in die noch ganz unscharfe digitale neue Welt. Denken wir nur an das damals noch unbekannte und heute wieder weitgehend unbekannte Faxgerät. Die Staatssicherheit verharrte noch in der alten Überwachungszeit und schaffte es nicht mehr, die relativ wenigen abgehörten Verbindungen Richtung Westen auszuwerten.

Die Wirtschaft verlor das Vertrauen der internationalen Märkte, die RGW, der „Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe“ im Ostblock, half nicht mehr. Politisch machte das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China Angst – die Leugnung der Probleme in den offiziellen Medien der DDR und den Stasi-Akten klang immer verrückter, verlogener – weltfern. Alles wissen zu wollen, bedeutet eben, wenig wirklich zu erfahren, weil kein Fakt sicher genug erscheint, ihn auch als solchen anzunehmen. Spätestens mit der Fluchtwelle aus dem Land kam es zum informellen Blackout – die Wahrnehmungsfähigkeit war wie gelähmt. Insolvenz gibt es in einer von oben gelenkten Staatswirtschaft im Grunde nicht, allein der Gedanke daran würde jeden politisch Verantwortlichen untragbar erscheinen lassen. Ketzerisch – rein marktwirtschaftlich – könnte man die deutsche Vereinigung als Insolvenzverschleppung der DDR lesen. Doch was ist schon marktwirtschaftlich in einer Welt, die alle Kräfte des Zufalls planwirtschaftlich zu eliminieren sucht.

Experten streiten

Der Wirtschaft ging es nicht gut – wie schlecht es ihr tatsächlich ging, darüber streiten die Experten bis heute. Mögen ehemalige Spitzenbeamte der einstigen Staatssicherheit noch immer vom bösen Klassenfeind und dem Verrat der Gorbatschow-SU schwadronieren – einstige Top-Manager der DDR vergleichen ihre Lenkungsmöglichkeiten mit denen im heutigen China und träumen von einem asiatischen Staatssozialismus mit marktwirtschaftlichem Antlitz. Doch wer heute etwa nach Hongkong blickt, wird den Gedanken nicht los, dass ohne den schönen Mauerfall zu Berlin die Briten kaum je so zukunftsselig gewesen wären, kurz nach der deutschen Vereinigung Hongkong an China zurückzugeben. Außerdem müsste er denken, das Ende der DDR habe das chinesische Zeitalter eröffnet...

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Selbstbetrug

Der große Selbstbetrug von 1989 offenbart sich in den Akten – und zwar auf doppelte Weise: in den knapper, hektischer und ungenauer werdenden Texten. Und im Versuch alles zu vernichten, was im kommenden Licht einer demokratischen Öffentlichkeit unangenehm werden könnte – also wenn möglich alles. Am Ende hielt die Planwirtschaft immerhin noch genügend Reißwölfe parat. Das Jahr 1989 endet in den Stasi-Akten in immer größerer Konfusion, die Akten werden knapper, und sie sind schlecht sortiert. Die Staatssicherheit war ein Instrument, das der Absicherung einer an sich stabilen Situation dienen mochte – als die Verhältnisse ins Rutschen kamen, taugte es nicht mehr. Aus den Akten hyperventiliert kurzatmige Sprachlosigkeit – Allmacht und Ohnmacht liegen endlich eng beinander.

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