Essay Zum Islam In Deutschland
„Vielleicht in hundert Jahren“

Kaum ein anderer Satz spaltet Deutschland so sehr wie „Der Islam gehört zu Deutschland“. Er mag politisch korrekt sein - historisch, gesellschaftlich und religiös ist er falsch, meint NWZ-Nachrichtenchef Alexander Will.

Bild: Becker
Die Zentralmoschee in Köln. Der Trägerverein Ditib ist der verlängerte Arm des türkischen Staates.Bild: Becker
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Manche Sätze haben das Zeug, ein ganzes Land für Jahrzehnte zu verfolgen. „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist so ein Satz. In der Politik war er zum ersten Mal 2006 aus prominentem Munde zu vernehmen. Damals sprach ihn Wolfgang Schäuble bei der Eröffnung der ersten Islamkonferenz aus. Weit über interessierte Kreise hinaus wirkte er damals nicht.

Das geschah erst nach dem 3. Oktober 2010. Bundespräsident Christian Wulff machte ihn da zum Herzstück seiner Ansprache zum Nationalfeiertag. Seitdem ist „Der Islam gehört zu Deutschland“ eine heiß umkämpfte deutsche Front. Mehr noch: Der Satz ist ein Glaubensbekenntnis, ebenso wie seine Negation.

Sehen Sie hier Die Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel:

Hier verläuft die Trennlinie zwischen denjenigen, die islamische Einwanderung und vermehrten Einfluss dieser Religion in Deutschland als positiv und wünschenswert betrachten und denjenigen, die dies eben nicht tun. Es gibt da keinen Mittelweg. Es gibt nur „Ja“ oder „Nein“. Halbherzigkeiten, wie sie einst Joachim Gauck oder Norbert Lammert von sich gaben, entzünden nur den Spott beider Seiten. Kurz: Es herrscht in dieser Frage Unfrieden in Deutschland.

Doch auf die Frage, ob dieser Satz richtig ist, gibt es nur eine Antwort: Er ist es nicht. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Weder historisch noch in seinen gesellschaftlichen und politischen Realitäten der Gegenwart.

Autor dieses Beitrages ist Alexander Will. Der 47-Jährige ist Islam- und Nahostwissenschaftler sowie promovierter Historiker.
Autor dieses Beitrages ist Alexander Will. Der 47-Jährige ist Islam- und Nahostwissenschaftler sowie promovierter Historiker.

Wer mit offenen Augen und einigermaßen intaktem historischen Sinn durch dieses Land geht, wird sehen: Deutschland ist historisch vom Christentum geprägt. Hinzu kommt das griechisch-römische Erbe, kommen die Gedanken der Aufklärung. Das alles war nie konfliktfrei. Im Gegenteil. Da waren Kriege, da war Fanatismus, da war Völkermord. Es gab Sternstunden und Ausflüge in den tiefsten Kreis der Hölle.

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Doch weder in diesen Extremen noch im historisch Alltäglichen war der Islam in Deutschland relevant, haben seine Einflüsse in irgendeiner Weise maßgeblich das Land geprägt. Daran erinnert auch die Vermittlung antiker Autoren durch islamische Gelehrte nichts. Ein Bote ist nur sehr begrenzt als eigenständige Kraft der Veränderung anzusehen.

Aber wie sollte islamisches Denken auch prägend für dieses Land sein? Die goldene Zeit arabisch-islamischer Staatlichkeit währte nicht lange. Es folgte Stagnation.

Als die europäische Renaissance den menschlichen Geist befreite, später die Aufklärung mit dem Aberglauben kurzen Prozess machte und all dies die Grundlage für eine naturwissenschaftlich-technische Revolution legte, wie sie die Welt noch nicht gekannt hatte, da versank die islamische Welt in Stillstand und geistige Sterilität.

Während ein vitales Land wie Japan die europäische Herausforderung im 19. Jahrhundert annahm und bestand, erwies sich das Osmanische Reich trotz aller Gelegenheiten dazu als unfähig. Die Grundkonstante jedes islamisch geprägten Staatsmodells, dass nämlich Religion, Recht und Politik eine untrennbare Einheit bilden, wirkte hier tragisch.

Als sich schließlich kluge Köpfe in islamischen Ländern seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts daran machten, diese Trennung mit aller Kraft und auch Gewalt herbeizuführen, da scheiterten sie an der Macht der religiösen Überzeugung ihrer Völker. Wir können das heute in der Türkei und in Ägypten eindrucksvoll beobachten.

Alle das konnte nie Vorbild für Europa oder Deutschland sein. Eine wie auch immer geartete historische Prägung, die den Islam „zugehörig“ machen könnte, gibt es daher nicht. Der Islam der Gegenwart ist als gesellschaftliches oder intellektuelles Vorbild ähnlich unattraktiv. Die Rückbesinnung auf die vermeintlich Goldene Zeit des Propheten, auf die fundamentalen Prinzipien der Religion hat eben nichts gebessert. Sie hat nicht auf neue Wege, zu klarerem Denken und besserem Leben geführt, sondern auch in den Hauptströmungen zu religiöser Intoleranz, wie sie nicht einmal der Calvinismus in Europa kannte. Hinzu gesellen sich absoluter politischer Machtanspruch und missionarischer Eifer. Die Erscheinungsformen kennt man zur Genüge – Geschlechtertrennung, ein Kollektivismus, der nicht Individuen, sondern religiös abgegrenzte Gruppen sieht, Apostasieverbot – und im Extremfall Terror.

Der Islam der Gegenwart wird also, und das gilt es ehrlich zu erkennen, dominiert von Strömungen, die so antiaufklärerisch wie rückwärtsgewandt, so kollektivistisch wie freiheitsfeindlich sind.

Ob Reformbemühungen, wie sie an den islamisch-theologischen Instituten deutscher Universitäten ehrlich und leidenschaftlich unternommen werden, hier etwas ändern können, bleibt zweifelhaft. Aus den islamischen Kerngebieten ist nämlich keine maßgebliche liberale Reformbewegung namhaft und keine besitzt prägenden theologischen Einfluss. So können also all jene Negierungen grundlegender Werte, auf denen dieser deutsche Staat beruht, nicht zu Deutschland gehören, eben so wenig wie eine Religion, die vermeintlich göttliches Recht über von Menschen nach demokratischen Prinzipien gemachtes stellt. Das islamische Recht ist heute noch ein untrennbarer Bestandteil der Religion, und es beschränkt sich eben nicht auf Vorschriften für den Kult. Die Scharia umfasst alle Aspekte des menschlichen Lebens und beansprucht, sie zu regeln.

Akzeptierte der deutsche Staat dies, schafft er sich selbst ab. Letztlich gibt es drei Möglichkeiten: Entweder wendet er die pseudo-göttliche Gesetzgebung dieser einen Gruppe auf alle an, oder er erlaubt Ausnahmeregeln für diese Gruppe. In jedem Fall wäre der säkulare Staat am Ende. Es bleibt also nur der Weg des völligen Ausschlusses islamischer Einflüsse auf das Recht des Landes.

Rein physisch ist der Islam zudem erst seit 1961, seit dem Anwerbe-Abkommen mit der Türkei, nennenswert in Deutschland präsent. Erst dieses Abkommen führte zu massiver Einwanderung türkeistämmiger Muslime nach Deutschland. Das aber reicht historisch kaum aus, um den „Islam“ als religiös-politisches System pauschal als „zu Deutschland gehörig“ zu bezeichnen.

Anders sieht das jedoch mit den Menschen, mit den Individuen, aus. Der individuelle Moslem, der sich dafür entscheidet, deutscher Bürger zu sein, und dem die Einbürgerung gewährt wird, gehört natürlich zu diesem Land. Er hat eine bewusste Entscheidung gefällt. Diese Entscheidung enthält auch das Bekenntnis, die Gesetze und politischen Prinzipien des Gemeinwesens „Deutschland“ über die Religion, über den Islam zu stellen. Der Staat muss das jedoch auch fordern und durchsetzen. Auf solchen Menschen mag dann die Hoffnung beruhen, dass ihr Beispiel Schule macht und letztlich dem religiös-politischen System „Islam“, mindestens in Deutschland, die Reißzähne zieht.

Nur so kann der Islam wirklich irgendwann zu diesem Land gehören, ebenso wie die vielen Spielarten eines zu seinem eigenen Wohl in die Harmlosigkeit säkularisierten Christentums.

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