Dublin Politischer Umbruch in Irland: Nach dem völlig überraschenden Wahlerfolg der linksgerichteten Partei Sinn Fein kommen auf Irland schwere Koalitionsverhandlungen zu. „Das alte Zwei-Parteien-System gehört nun der Vergangenheit an“, sagte die Sinn-Fein-Präsidentin Mary Lou McDonald. Sie kündigte an, jetzt mit allen Parteien sprechen zu wollen.

Sinn Fein galt früher als politischer Arm der Untergrundorganisation IRA (Irisch-Republikanische Armee) und setzt sich für eine Wiedervereinigung Irlands ein. Lange Zeit wurde die Partei geächtet. Nun schnitt sie bei der Wahl besser ab als die etablierten bürgerlichen Parteien Fianna Fail und Fine Gael.

Soziale Aspekte wichtig

Der Brexit spielte bei der Stimmabgabe einer Nachwahlbefragung zufolge so gut wie keine Rolle, sondern soziale Probleme wie Wohnungs- und Gesundheitskrise. Auf diese Themen hatte Sinn Fein gesetzt und damit vor allem jüngere Wähler angesprochen.

Maßgeblichen Anteil am Erfolg hat die Parteichefin selbst: McDonald übernahm den Vorsitz 2018 von dem umstrittenen Politiker Gerry Adams und richtete die Partei neu aus. Die 50-Jährige, die als sehr durchsetzungsfähig gilt, sammelte internationale Erfahrungen vor allem als Mitglied des Europäischen Parlaments. Stärkste Kraft im irischen Parlament dürfte Sinn Fein aber trotz des Erfolgs nicht werden. Dafür stellte sie zu wenige Kandidaten auf.

Sollte es tatsächlich zu einer Regierungsbeteiligung von Sinn Fein kommen, dürfte die Forderung nach einem baldigen Referendum über die irische Wiedervereinigung in Dublin zur offiziellen Regierungslinie werden. Das würde auch die Brüsseler Verhandlungen mit Großbritannien über die künftigen Beziehungen nach dem Ende der Brexit-Übergangszeit zum Jahresende betreffen.

Der Wahlerfolg von Sinn Fein wurde von Beobachtern mit einem politischen Orkan verglichen, der wie Sturm „Ciara“ (in Deutschland „Sabine“ genannt) am Wochenende über Irland hinwegfegte. Bislang wurde die Politik des Landes seit der vollständigen Unabhängigkeit von Großbritannien stets von Fine Gael und Fianna Fail dominiert.

„Diese Wahl wird in einem Drei-Parteien-System enden“, sagte Premierminister Leo Varadkar dem irischen Sender RTE. Er hatte im Wahlkampf auf das Thema Brexit gesetzt – und sich verzockt. Dass er im Amt bleiben kann, gilt als unwahrscheinlich. Varadkar führt mit Fine Gael eine Minderheitsregierung an, die von Fianna Fail mit dem Oppositionschef Micheál Martin an der Spitze toleriert wird. Beide bürgerlichen Parteien hatten vor der Wahl eine Koalition mit Sinn Fein ausgeschlossen. Während Varadkar nach der Abstimmung bei seiner harten Haltung blieb, zeigte sich Fianna-Fail-Chef Martin flexibler.

Zugehen auf „Kleine“

McDonald kündigte an, mit den kleineren Parteien Gespräche über eine mögliche Regierungsbildung aufzunehmen. „Ich möchte, dass wir idealerweise eine Regierung ohne Fianna Fail oder Fine Gael haben.“ Sie schloss aber Gespräche mit den beiden großen Parteien nicht aus.

Als einzige Partei tritt Sinn Fein in beiden Teilen der Insel Irland an. Mit dem Karfreitagsabkommen wurde 1998 der jahrzehntelange, blutige Nordirlandkonflikt beendet.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.