Hannover Plötzlich ist Christian Wulff wieder in aller Munde. Spätestens seit er Ende Januar Deutschland auf Bitten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Saudi-Arabien bei der Trauerfeier für König Abdullah vertrat, gilt das politisches Comeback des Alt-Bundespräsidenten in vielen Medien bereits als ausgemachte Sache. Wulff stand kondolierend im Königspalast - in einer Reihe mit Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, genauso wie vor seinem beispiellosen Karriereende als Bundespräsident.

Wie sich die Zeiten doch ändern - an diesem Freitag ist es gerade einmal ein Jahr her, dass Wulff im Landgericht Hannover vom Vorwurf der Korruption freigesprochen wurde. Auch der Freispruch konnte den bis dato einmalig tiefen Sturz eines deutschen Staatsoberhauptes nicht rückgängig machen. Seinen Chefsessel im Schloss Bellevue hat der inzwischen 55-Jährige danach nicht zurückbekommen, seine zweite Ehe mit Bettina Wulff ist kaputt und auch sein Amt als niedersächsischer Regierungschef für immer passé.

Lange und akribisch war die Justiz der Frage nachgegangen, ob Wulff sich 2008 bei einem Oktoberfestbesuch von dem befreundeten Filmproduzenten David Groenewold einladen ließ - rund 750 Euro für Hotel, Essen und Babysitter standen im Raum. Der Auftakt der Ermittlungen war Wulffs politisches Ende, er trat als Bundespräsident zurück. Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass jetzt der Chefankläger, der Celler Generalstaatsanwalt Frank Lüttig, wegen Geheimnisverrats im Fall Wulff selbst im Visier der Ermittler steht. Auch ihm droht nun ein herbes Karriereende.

„Nun kann ich mich wieder der Zukunft zuwenden“, sagte Wulff nach seinem Freispruch. Wie er sich diese Zukunft vorstellt, sagte er nicht. Inzwischen zeigt sich, dass Wulff sich langsam zurück arbeitet ins Tagesgeschäft, immer häufiger zieht es ihn dabei auch in die zuvor so gescheute Öffentlichkeit: So zeigte er sich etwa im September bei einer Antisemitismus-Kundgebung neben Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin. Auch bei der Mahnwache nach dem Terroranschlag auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“ stand er in Berlin ganz vorne.

Sein Karriereende arbeitete Wulff bereits kurz nach dem Freispruch in seinem Buch „Ganz oben Ganz unten“ auf. „Der Rücktritt war falsch. Und ich wäre auch heute der Richtige in dem Amt“, sagte er bei der Buchpräsentation im vergangenen Juni in Berlin. Aus seinem Umfeld in Hannover heißt es nur: „Es ist doch nachvollziehbar, dass er das noch nicht überwunden hat.“

In seinem früheren Beruf steht der Jurist Christian Wulff ebenfalls wieder mit beiden Beinen auf dem Boden. In Hamburg arbeitet er seit dem 1. März 2014 als Rechtsanwalt in seiner eigenen Kanzlei. Den Weg in die CDU hat er auch zurückgefunden - einstimmig nahm ihn der Kreisverband in seiner alten Heimatstadt Osnabrück „mit großer Freude“ wieder auf, sagt der Vorsitzende Fritz Brickwedde. Der Antrag, Wulff zum Ehrenbürger der Stadt Osnabrück zu machen, ruht dagegen noch immer. Dafür sei es zu früh, heißt es.

Und dann ist da ja noch der Islam. Mit seiner Äußerung, der Islam gehöre auch zu Deutschland, löste Wulff als Bundespräsident eine heftige Debatte aus, verschaffte sich aber bis heute viel Respekt unter Muslimen. Wulff, der auch Präsident des Lobby-Verbandes EMA (Euro-Mediterran-Arabischer-Länderverein) ist, gilt längst als echter Experte, der etwa in der Türkei ein hohes Ansehen genießt. Gerne nutzt er jede Gelegenheit, um für einen intensiveren Dialog der Religionen und Kulturen einzutreten. Jüngst zitierte sogar Merkel den Satz, der in der Union noch immer umstritten ist.

Doch kann das als Comeback gewertet werden? Für den Münsteraner Politikwissenschaftler Wichard Woyke ist die Schlussfolgerung, die auch der Merkel-Vertraute und Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) zieht, nicht berechtigt. „Für Alt-Bundespräsidenten gibt es kein Comeback“, sagt er. Wer einmal ganz oben gestanden habe, könne politisch nicht mehr zurückkommen. „Es ist höchstens ein bisschen Wiedergutmachung, eine Art repräsentatives Zubrot, ein Trostpflaster.“

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