Caracas /Berlin In Venezuela noch Oppositionsführer, im Ausland schon Staatschef: Der internationale Rückhalt für den selbst ernannten Interimspräsidenten Juan Guaidó wächst immer mehr. Nachdem das Ultimatum an den umstrittenen Präsidenten Nicolás Maduro abgelaufen ist, haben Deutschland und zwölf weitere EU-Länder Guaidó nun als rechtmäßigen Übergangsstaatschef des südamerikanischen Krisenlandes anerkannt.

Mehrere EU-Staaten hatten Maduro dazu aufgefordert, freie und faire Präsidentenwahlen auszurufen. Dieser ließ die Frist am Wochenende allerdings verstreichen. „Wir erkennen Juan Guaidó als Interimspräsident Venezuelas an“, erklärte daraufhin die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz am Montag in Berlin. Die USA und eine Reihe lateinamerikanischer Staaten hatten sich bereits vor knapp zwei Wochen hinter Guaidó gestellt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete Guaidó als künftigen Partner Deutschlands bei den Bemühungen um eine Beilegung der Krise. Er sei „der legitime Interimspräsident aus deutscher Sicht und aus Sicht vieler europäischer Partner“, sagte sie am Montag.

Die venezolanische Regierung kritisierte die Anerkennung Guaidós durch die EU-Staaten. „Die Souveränität des venezolanischen Volkes hängt nicht von der Anerkennung irgendwelcher ausländischer Regierungen ab“, hieß es in einer am Montag veröffentlichten Mitteilung des Außenministeriums in Caracas. Die Regierung kündigte an, nun die Beziehungen zu den europäischen Staaten, die Guaidó unterstützen, auf den Prüfstand zu stellen.

Auch Russland kritisierte die europäischen Staaten für die klare Positionierung im venezolanischen Machtkampf. „Aus unserer Sicht ist das sowohl direkt als auch indirekt eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Venezuelas“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag in Moskau. Der Kreml hatte dem sozialistischen Staatschef des ölreichen Landes schon früh seine Unterstützung zugesichert. Auch von China, dem Iran, der Türkei sowie Kuba, Bolivien und Nicaragua wird Maduro noch unterstützt.

Der immer autoritärer auftretende Präsident demonstrierte unterdessen Stärke und zeigte sich am Montag bei einem Marsch im Bundesstaat Aragua an der Seite von Soldaten. Zuvor hatte er bereits die im ganzen Land organisierten Milizen zur Verteidigung der Heimat aufgerufen.

Maduro war 2018 bei einer umstrittenen Wahl im Amt bestätigt worden. Im Januar begann seine zweite Amtszeit – und Guaidó reagierte mit der Ausrufung zum Gegenpräsidenten. Er beruft sich auf die venezolanische Verfassung, wonach bei einer illegitimen Amtsübernahme der Parlamentspräsident vorübergehend die Staatsmacht übernehmen kann. Damit katapultierte sich der 35-jährige Parlamentspräsident, den selbst die meisten Venezolaner bis vor Kurzem noch nicht kannten, ins Zentrum eines erbitterten Machtkampfs.

Die Anerkennung durch zahlreiche Staaten verleiht Guaidó Rückenwind, doch die Entscheidung fällt auf den Straßen von Venezuela. Alles dürfte davon abhängen, ob Guaidó das mächtige Militär auf seine Seite ziehen kann. Soldaten, die bei der Wiederherstellung der demokratischen Ordnung helfen, hat er Straffreiheit zugesagt.

Einen weiteren Popularitätsschub könnte Guaidó die humanitäre Hilfe verschaffen. Gelingt es ihm tatsächlich, Hilfslieferungen ins Land zu bekommen und an die notleidende Bevölkerung zu verteilten, dürfte ihm das mehr Akzeptanz vor Ort einbringen.

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