Bonn Die Corona-Pandemie hat sich auf fast jeden Lebensbereich ausgewirkt – und sie ist noch nicht vorbei. Neben manch finsterer Prognosen sprießt hier und da auch Hoffnung: etwa darauf, dass manche Missstände ans Tageslicht kommen und bekämpft werden könnten. Zum Beispiel könnte aus der Krise ein Impuls zur Verbesserung der Lage von arbeitslosen Menschen entstehen. Das hofft jedenfalls Anna Mayr, Autorin des Buchs „Die Elenden“.

Mayr, geboren 1993 am Rand des Ruhrgebiets, wuchs als Kind von zwei Langzeitarbeitslosen auf. Über ihren Lebensweg hat sie schon Zeitungsartikel geschrieben. Einzelschicksale zu beschreiben, reiche jedoch nicht aus, sagt sie heute. „Es wird immer Arbeitslose geben, und niemand hat daran Schuld im engeren Sinne, weil Lebenswege nicht geradlinig sind“, sagt sie.

Andererseits, so die zugespitzte These der Autorin, „brauche“ die Gesellschaft Arbeitslose. „Indem wir uns von ihnen abgrenzen, fühlen wir uns besser, weil wir arbeiten. Je schlechter es den Arbeitslosen geht, desto mehr strengen sich alle auf der Arbeit an, um bloß ihren Job nicht zu verlieren. Damit das funktioniert, muss man die Arbeitslosen verelenden lassen – um in ihrem Dasein die schlechteste Form dessen zu erkennen, was man selbst sein könnte.“

Wie dieser Mangel an Empathie historisch gewachsen ist, beschreibt die Autorin Mayr in ihrem Buch, dessen Titel nicht umsonst an Victor Hugos gleichnamigen Roman erinnert. Beide Autoren zeigen auf, wie die moderne Gesellschaft Menschen brandmarkt, die am Rand stehen. Wenn Mayr beschreibt, wie sich das Leben nach einem Jobverlust verengen kann, ist das beklemmend und zugleich augenöffnend.

In früheren Zeiten sei der Blick auf Armut und Erwerbslosigkeit ein anderer gewesen, schreibt Mayr. „Der Katholizismus gestand früher auch dem Bettler eine Funktion zu: Indem andere Menschen ihm halfen, taten sie etwas Gottgefälliges.“ Heutzutage dagegen werde ein Mensch ohne Job „definiert durch das, was er nicht hat“.

Zugleich litten Arbeitslose in der öffentlichen Wahrnehmung „unter einer Schicht aus Vorurteilen“, schreibt Mayr, „die so dick ist, dass sie zu ersticken drohen und dass kaum jemand ihre Realität darunter sieht“.

Neben finanziellen und bildungspolitischen Maßnahmen wünscht sich Mayr vor allem ein respektvolleres Miteinander. Es dürfe, betont sie, „nicht mehr mit Scham behaftet sein, wenn man mal für zwei, drei Jahre nicht arbeitet“.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.