Bonn Er fühle sich wie eine Marionette, der die Fäden gezogen worden seien, sodass ihre Teile zusammenhanglos in der Luft baumelten, klagte Norbert Blüm zuletzt. „Wie ein Dieb in der Nacht brach das Unheil in Gestalt einer heimtückischen Blutvergiftung in mein Leben ein“, machte der frühere Arbeits- und Sozialminister erst vor gut einem Monat seine schwere Krankheit und Lähmung öffentlich.

Am Donnerstagabend ist der 84-Jährige in seinem Haus in der Bonner Südstadt im Kreis seiner Familie gestorben. Blüm zählt zu den bedeutensten Politikern der Nachkriegsgeschichte, gehörte als einziger Minister 16 Jahre lang von 1982 bis 1998 den Regierungen unter Kanzler Helmut Kohl an und galt als „das soziale Gewissen der CDU“, der er vor 70 Jahren beigetreten war. Für die Roten sei er stets der Schwarze gewesen, für die Schwarzen dagegen der Rote, umschrieb er einst seine politischen Koordinaten.

„Die Rente ist sicher!“ – ein Satz, der zu seinem Markenzeichen, zum Wegbegleiter wurde, den er stets verteidigte. „Die umlagefinanzierte Rente ist das sicherste System der Welt. Sie hat in ihrer hundertjährigen Geschichte immer gezahlt – auch in den Weltkriegen oder während der großen Inflation“, erklärte er einmal im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion und verteidigte sie auch in Zeiten, in denen es Defizite in Milliardenhöhe gab und das System der gesetzlichen Altersvorsorge infrage gestellt wurde und unter Druck geriet. Der Name Blüm – er steht auch für das Festhalten an der gesetzlichen Rente. Der Sozialstaat war sein Leib- und Magenthema, ihn stets zu verteidigen und auszubauen, etwa durch Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung 1995 – eine seiner großen politischen Leistungen und ein bleibendes Verdienst. Das C im Namen seiner Partei war für ihn stets Auftrag. Die Rentenreformen aus der Zeit nach 1998 – nach seinem Abschied als Minister – lehnte er ab.

Als Kriegskind erlebte er die finsterste Zeit im Luftschutzkeller. Nie wieder habe er so gezittert wie damals. Doch habe es auch „so viel Wunderbares“ gegeben. Drei Kinder, sechs Enkel, die lange glückliche Ehe mit Frau Marita, die lange und erfolgreiche politische Karriere und das Glück, in der Zeit der deutschen Einheit an der Politik mitwirken zu dürfen. „Das war ja nicht mein Verdienst, aber es war das beste Projekt der letzten hundert Jahre“, so Blüm.

Blüm war stets an der Seite des „kleinen Mannes“. An der Werkbank in der Opel-Stadt Rüsselsheim verdiente der Arbeitersohn aus Hessen seinen ersten Lohn, trat in die IG Metall ein. Er studiert Philosophie, Geschichte, Germanistik und Theologie, hört Vorlesungen bei Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Doch Blüm zieht es in die Politik. 1972 wird „Nobbi“ Abgeordneter im Bundestag. Fünf Jahre später übernimmt er den Vorsitz der einflussreichen CDU-Sozialausschüsse. 1981 holte ihn Richard von Weizsäcker in den Senat der geteilten Stadt. Nur ein Jahr später schließlich dann Blüms Aufstieg zum Bundesminister unter Kanzler Kohl.

1987 wurde der populäre Politiker Grünkohlkönig beim „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“, damals noch am Regierungssitz Bonn ausgetragen.

Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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