Berlin Gut ein Jahr nach dem Beginn der Corona-Pandemie haben die Spitzen des deutschen Staates und die Kirchen der fast 80.000 Toten gedacht und den Hinterbliebenen ihr Mitgefühl bekundet. Bei der zentralen Gedenkfeier rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zudem die Gesellschaft zum Zusammenhalt auf. „Lassen wir nicht zu, dass die Pandemie, die uns schon als Menschen auf Abstand zwingt, uns auch noch als Gesellschaft auseinandertreibt“, sagte er im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Zuvor hatten die Kirchen in einem ökumenischen Gottesdienst in der Gedächtniskirche den Trauernden Trost zugesprochen.

Der Bundespräsident betonte: „Wir wollen heute als Gesellschaft derer gedenken, die in dieser dunklen Zeit einen einsamen und oft qualvollen Tod gestorben sind.“ Den um ihre gestorbenen Angehörigen Trauernden wolle man sagen: „Ihr seid nicht allein in Eurem Leid, nicht allein in Eurer Trauer.“

Trauer, Verbitterung und Wut

Neben der Trauer gebe es bei manchen Menschen auch „Verbitterung und Wut“, sagte das Staatsoberhaupt. Er könne dies verstehen. „Die Politik musste schwierige, manchmal tragische Entscheidungen treffen, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.“ Auch die Politik habe lernen müssen. Wo es Fehler und Versäumnisse gegeben habe, müssten diese aufgearbeitet werden, aber nicht an diesem Tag, sagte Steinmeier.

Lesen Sie auch:
Drei Minuten für Rückschau auf  ein ganzes Leben
Ganderkeseerin spricht bei Corona-Gedenkfeier
Drei Minuten für Rückschau auf ein ganzes Leben

„Meine Bitte ist heute: Sprechen wir über Schmerz und Leid und Wut. Aber verlieren wir uns nicht in Schuldzuweisungen, im Blick zurück, sondern sammeln wir noch einmal Kraft für den Weg nach vorn, den Weg heraus aus der Pandemie, den wir gehen wollen und gehen werden, wenn wir ihn gemeinsam gehen.“

Fünf Hinterbliebene bei Gedenkfeier

An der von Steinmeier ausgerichteten Gedenkfeier nahmen fünf Hinterbliebene und die Spitzen der anderen vier Verfassungsorgane teil: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundesratspräsident Reiner Haseloff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (alle CDU) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth. Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) und ein Vertreter des Diplomatischen Korps waren ebenfalls zu der Veranstaltung gekommen, die unter strengsten Hygieneschutzmaßnahmen stattfand.

In Deutschland starben bis zum Sonntag nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts 79.914 Menschen an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2.

Ökumenischer Gottesdienst

In dem ökumenischen Gottesdienst, der von Geistlichen jüdischen und muslimischen Glaubens mitgestaltet wurde, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing: „Krankheit, Sterben und Tod lassen sich in diesem langen Jahr nicht wegdrücken, sie schneiden tief ein in das Leben vieler Menschen.“ Tod und Sterben seien uns näher gerückt als zuvor. Deshalb sei es richtig, innezuhalten und der vielen Toten zu gedenken.

„Wie ein Trauma legt sich die Krisenerfahrung der Pandemiezeit auf unsere Seele und schreit nach Heilung“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. „Für die Verarbeitung werden wir viel Zeit brauchen, erst recht unsere Kinder, unsere Heranwachsenden, für die diese Krise die Ausdehnung einer gefühlten Ewigkeit hat.“

Gedenken auch in Niedersachsen

Zum bundesweiten Trauertag haben auch in Niedersachsen und Bremen Menschen der Toten der Corona-Pandemie gedacht. Bis Sonntag sind nach Zahlen des Landesgesundheitsamtes in Niedersachsen 5123 Menschen an oder mit dem Coronavirus gestorben. Hinter den abstrakten Zahlen verberge sich unfassbar viel Leid in unzähligen Familien, teilte der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Hans-Joachim Lenke, mit. „Allen Angehörigen gilt unser Mitgefühl. Wir denken auch an die, die unter Pandemiebedingungen in Krankenhäusern, Einrichtungen der Eingliederungs-, Alten- und Jugendhilfe ihr Bestes gegeben und in erschwerten Situationen Menschen begleitet haben, auch auf letzten Wegen.“ Es sei schwer zu ertragen, dass viele sich im letzten Jahr nicht würdevoll von ihren Verstorbenen haben verabschieden können, so Lenke.

In Bremen und Bremerhaven – wo nach Angaben der Gesundheitsressorts bis Samstag 436 Menschen nach einer Infektion gestorben waren – wurde halbmast geflaggt. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) zündete vor dem Haus der Bürgerschaft Kerzen für die Toten an. In Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover wollten Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) und Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) Blumen niederlegen. In Lüneburg wurde vor dem Niedergericht am Rathaus ein Gedenkort eingerichtet, wo Bürgerinnen und Bürger Bilder oder andere Andenken an die Gestorbenen ablegen können.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.