Berlin Das Dementi aus dem fernen Saarland kommt prompt. „Es geht nicht um eine vordergründige Fusionsdebatte“, sagt der Linken-Politiker Oskar Lafontaine am Mittwoch und präzisiert: „Es geht um eine politische Mehrheit im Bundestag für höhere Löhne und Renten und bessere soziale Leistungen, für eine friedliche Außenpolitik und eine Umweltpolitik, die sich nicht auf kosmetische Korrekturen beschränkt.“ Zuvor hatten Spekulationen die Runde gemacht, Lafontaine, strebe ein Zusammengehen von SPD und Linke an. „Quatsch“, sagt heißt es in der Linken-Bundestagsfraktion. Es gehe mit Blick auf die Erosion der Volksparteien und das Erstarken rechter Populisten um linke Mehrheiten. „Wer will, dass sich nicht immer mehr Menschen von der Politik abwenden und an den Wahlen nicht mehr beteiligen, muss die Politik des ‚Weiter so‘ aufgeben und einen wirklichen politischen Neuanfang auf den Weg bringen“, sagt Lafontaine.

Lafontaine war Vorsitzender der SPD, und er war Chef der Linkspartei. Beide Parteien eint viel, der Blick auf einen aktiven Staat etwa. Beide Parteien trennt aber auch viel. Nicht nur die Geschichte, die 1917 im Kaiserreich wegen des Streits über die Kriegskredite zur Spaltung von SPD und späterer KPD führt. Auch inhaltlich klemmt es bis heute, wie die Debatte um Hartz IV, Rentenalter und Auslandseinsätze der Bundeswehr zeigt.

Niemand spiegelt die offenen Widersprüche mehr als der 75-jährige Oskar Lafontaine. Der ehemalige Klosterschüler und studierte Physiker war Vorsitzender der SPD, ehe er 1999 aus Protest gegen Kanzler Gerhard Schröder, der ihn unsanft ausbremste, sein Amt als Finanzminister und SPD-Chef aufgab und die Partei verließ. Später bringt er 2005 die Fusion der westdeutschen Anti-Hartz-IV-Bewegung WASG mit der ostdeutschen PDS zur gesamtdeutschen Linkspartei auf den Weg. Für viele Sozialdemokraten ist das der Anfang vom Abstieg der SPD. Und so wird Lafontaine nicht verziehen. „Den will ich nicht zurück“, sagt SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel und spricht von einem „schlechten und verspäteten Aprilscherz“.

Auch in der Linkspartei gibt sich mancher reserviert. Nicht zuletzt mit Blick auf Lafontaines Ehefrau, die scheidende Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. „Es besteht keine Notwendigkeit und Voraussetzung“ für eine Fusion, sagt Dietmar Bartsch, der sich mit Wagenknecht die Fraktionsführung teilt. Er werbe aber dafür, dass Linke und SPD, wo es politisch möglich sei, enger zusammenarbeiten.

Schon nach der Bundestagswahl 2013 hatte die Linke für eine gemeinsame Mehrheit im Bundestag geworben. Vergeblich. Informelle Kontakte gibt es schon lange. „Walden“, heißt das Café im Berliner Bezirk Pankow, in der Politiker von SPD, Grünen und Linken nach Gemeinsamkeiten suchen. Für die Grünen schaut Fraktionschef Anton Hofreiter vorbei, für die Linke die Realos Stefan Liebich und Jan Korte. Aus der SPD kommt neben anderen Angela Marquardt, einst Parteivize der PDS und später enge Mitarbeiterin von Andrea Nahles. Nun ist Nahles Geschichte. Aber die Probleme der SPD bleiben. Hartz IV wird mit der Sozialstaatsagenda rückabgewickelt, das Rentenalter korrigiert, die Grundrente soll kommen. Die Partei bewegt sich programmatisch nach links. Und in Umfragen weiter nach unten. In Bremen flieht die Partei nun erstmals in einem westdeutschen Bundesland in Rot-Grün-Rot. Lafontaine wirbt nun für eine Allianz auch auf Bundesebene.

Ganz einfach ist das nicht. Vor allem in der Außenpolitik. Der – auch in den eigenen Reihen nicht unumstrittene – Linken-Abgeordnete Diether Dehm schimpft Außenminister Heiko Maas (SPD) einen „Nato-Strichjungen“. Das ist kein Umgangston, erst recht nicht für angehende Bündnispartner.

Peter Riesbeck Korrespondentenbüro Berlin
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