Berlin Mit Rassismus und Antisemitismus ist es in Deutschland ein bisschen so wie mit der Einwanderung. Erst tut die Politik so, als gebe es das bei uns gar nicht. Dann reiben sich alle die Augen, weil sie plötzlich feststellen, dass es sich um ein Massenphänomen handelt. Ein Beauftragter wird ernannt. In den Talkshows schlagen die Wogen hoch.

Künstler regen sich über die Vergabe des Echo-Musikpreises an Kollegah und Farid Bang auf. Sie finden die Textzeilen der beiden Gangsta-Rapper zu Juden und dem Holocaust geschmacklos und menschenverachtend. Die meisten von ihnen dürften wohl erst durch die Echo-Kontroverse auf das Duo aufmerksam geworden sein.

Zugleich sorgt der brutale Gürtel-Angriff eines syrischen Flüchtlings auf einen arabischen Israeli mit jüdischer Kopfbedeckung für Entsetzen. Auch bei der Verbrennung einer israelischen Flagge bei einer Demonstration in Berlin waren wohl Syrer aktiv, die noch nicht lange in Deutschland waren. Sie stammen aus einem Land, in dem über Israel und das Judentum auch in Schulen vor allem negativ gesprochen wird. Hintergrund ist die israelische Besetzung und spätere Annexion der syrischen Golanhöhen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, kennt die Probleme. Er will islamische Prediger – am liebsten zusammen mit Rabbinern – in Schulklassen schicken.

Der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza erklärt in seinem Buch „Schalom und Salam. Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus“, das Mitte Mai erscheint, woher judenfeindliche Einstellungen unter muslimischen Zuwanderern rühren. Murtaza hat pakistanische Wurzeln, ist in Deutschland geboren. Er beklagt, Muslime wie er erführen in deutschen Schulen zwar viel über die Ermordung von Millionen von Juden durch die Nationalsozialisten. Der Nahost-Konflikt werde jedoch im Schulunterricht „großzügig ausgespart“. Diese Lücke könne dazu führen, „dass Muslime den Konflikt als eine Auseinandersetzung zwischen Islam und Judentum missdeuten“. Murtaza sagt, wer antisemitische Argumente im muslimischen Milieu dekonstruieren wolle, dürfe nicht mit Schuldzuweisungen arbeiten: „Auch Vorbilder sind wichtig, zum Beispiel Muslime, die Juden vor dem Holocaust gerettet haben.“

Von den politisch motivierten Delikten, hatten nach Angaben des Bundesinnenministeriums 1495 einen antisemitischen Hintergrund, 1069 wurden als „islamfeindliche“ Straftaten gemeldet. In 127 Fällen geht die Polizei von einem „christenfeindlichen“ Hintergrund aus. Die Zahl der antisemitischen Straftaten blieb in den vergangenen drei Jahren konstant – auf hohem Niveau. 2015 waren 1366 Fälle gemeldet worden, 2016 waren es 1468 Straftaten. Eine Aufschlüsselung nach dem politischen Hintergrund existiert für das Jahr 2017 bisher nur für die 707 Fälle, die in den erhobenen vorläufigen Quartalszahlen der Polizei auftauchen. Aus der Aufstellung geht hervor, dass von diesen 707 antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr 651 einen rechten Hintergrund hatten. In 16 Fällen steckte eine „ausländische Ideologie“ dahinter, in 15 Fällen eine „religiöse Ideologie“. Lediglich zu einer Gewalttat wurde ein linker Tatverdächtiger ermittelt.

„Ich habe den Eindruck, dass Rassismus in der Wahrnehmung zugenommen hat, beziehungsweise offener zutage tritt“, sagt die Antidiskriminierungsbeauftragte für die Berliner Schulen, Saraya Gomis. Das sei auch eine Folge der „harten Debatten, die in der Gesellschaft zuletzt geführt worden sind“. Das waren Debatten, in denen es oft darum ging, wer dazugehört, und wer nicht.

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