Berlin Die Koalition spricht von einem „schmerzlichen Kompromiss“, die Opposition wird richtig sauer, wenn es darum geht, wie sich Schwangere künftig über Abtreibungen informieren können. Viele Ärzte und Frauen dagegen sind einfach enttäuscht. Trotzdem hat der Bundestag am Donnerstag die umstrittene Reform von Paragraf 219a des Strafgesetzbuches beschlossen: Ärzte und Kliniken dürfen künftig im Internet angeben, dass sie Abtreibungen durchführen. Weitere Infos dürfen sie aber nicht geben, sondern nur auf offizielle Stellen verweisen. Dann ist da noch diese geplante Studie, die vielen Frauen die Zornesröte ins Gesicht treibt.

Cornelia Möhring von der Linksfraktion ist eine dieser Frauen. Hinter dem Kompromiss von Union und SPD stehe ein skandalöses Frauenbild, empört sie sich: „Die Regierung scheint zu denken, dass Frauen blöd und manipulierbar seien.“ Schwangerschaftsabbrüche blieben in der Schmuddelecke, medizinische Fachinformation mit Gefängnis bestraft.

„Schon jetzt finden Frauen in Not kaum einen Arzt, der Abtreibungen vornimmt“, kritisiert die FDP-Abgeordnete Nicole Bauer. Das werde sich mit der Neuregelung kaum ändern, stattdessen würden Frauen stigmatisiert. Auch die Grüne Katja Keul spricht von „unnötiger Kriminalisierung von Ärzten“, die sie einschüchtere und von Abtreibungen abhalte.

Als „Sahnehäubchen obendrauf“, sagen Linke, FDP und Grüne, finanziere die Regierung dann auch noch eine unnötige Studie des Gesundheitsministeriums zu den gesundheitlichen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen für Frauen. Das offenbare eigentlich nur das „fragwürdige Frauenbild“ von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), meint Bauer.

Der Argwohn rührt zum einen daher, dass die Studie quasi im Gegenzug zum 219a-Kompromiss zustande kam. Die SPD setzte die Änderung durch. Dafür bekommt Spahn fünf Millionen Euro für seine Studie, die von 2020 bis 2023 die „Häufigkeit und Ausprägung seelischer Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen“ untersucht. Ergebnisoffen, wie das Ministerium betont.

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Kritik daran gibt es auch aus wissenschaftlicher Sicht. Denn Dutzende Studien haben die psychischen Folgen von Abtreibungen in den vergangenen Jahren schon untersucht. „Es lässt sich nicht beweisen, dass eine Abtreibung einen klaren negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Frauen hat“, sagt Claudia Schumann, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG). Cornelia Helfferich, Leiterin des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts zu Geschlechterfragen an der Evangelischen Hochschule Freiburg, sagt: „Die große Mehrheit der Frauen bewältigt einen Abbruch ohne Langzeitfolgen.“

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