Frage: Herr Poeschel, Sie haben für die OECD einen Bericht über Migration von Deutschen – treffender: über deutsche Auswanderer – geschrieben. Ist Deutschland ein Auswanderungsland?

Poeschel: Es ist sogar eines der bedeutendsten Auswanderungsländer der Welt: 3,4 Millionen Menschen, die in Deutschland geboren wurden, leben in einem anderen OECD-Land. Das entspricht der Einwohnerzahl von Berlin. Die deutschen Auswanderer stellen damit die fünftgrößte Gruppe von Emigranten in OECD-Ländern – nur kurz hinter Chinesen und Indern, aber noch vor den polnischen Auswanderern. Trotzdem machen die deutschen Auswanderer nur vier Prozent der in Deutschland geborenen Bevölkerung aus. Das ist weit entfernt von einem Exodus, wie er in manchen Ländern beobachtet wird.

Frage: Gibt es bevorzugte Zielländer? Wie ist der Trend?

Poeschel: Ganz klar: Es gibt einige Länder in Europa und in Nordamerika, die den Großteil der deutschen Auswanderer auf sich vereinen. Vorneweg die Vereinigten Staaten mit 1,1 Millionen, dann Großbritannien und die Schweiz mit jeweils 270 000, gefolgt von Frankreich, Italien, Spanien und Kanada. In europäischen Ländern leben inzwischen mehr deutsche Auswanderer als in Ländern außerhalb Europas – das war zur Jahrtausendwende noch anders. In den vergangenen Jahren gingen besonders viele in die Schweiz und nach Österreich. Europa liegt also im Trend.

Frage: Wandern eher gebildete oder weniger gebildete Menschen aus?

Poeschel: Mehr als ein Drittel der deutschen Auswanderer hat einen Hochschulabschluss, 46 000 haben sogar einen Doktortitel. Beide Gruppen sind unter den Auswanderern überrepräsentiert, das heißt unter 100 Auswanderern begegnet man deutlich häufiger jemandem mit Hochschulabschluss oder Doktortitel als unter 100 Personen im Inland. Ungewöhnlich ist das aber nicht: Wer ein hohes Ausbildungsniveau hat, dem eröffnen sich im Ausland besonders viele Möglichkeiten. Und wer viel Zeit und Mühe in die Ausbildung investiert hat, der ist vielleicht auch eher bereit, in die Ferne zu ziehen, wenn sich dadurch mehr aus der Ausbildung machen lässt.

Frage: Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Poeschel: Die gibt es. Zwischen 2001 und 2011 ist der Anteil von deutschen Auswanderern, die einen Hochschulabschluss besitzen, erheblich gewachsen. Diese Entwicklung war bei den Frauen stärker als bei den Männern, und somit finden sich unter den deutschen Auswanderern mit Hochschulabschluss deutlich mehr Frauen als Männer. Andererseits sind die ausgewanderten Frauen – auch diejenigen mit Hochschulabschluss – erheblich seltener erwerbstätig als Männer. Bei der Auswahl der beliebtesten Zielländer herrscht allerdings Einigkeit unter den Geschlechtern.

Frage: Warum zieht es Deutsche ins Ausland – aus Unzufriedenheit in der Heimat, wegen des Studiums, wegen der besseren Berufsaussichten?

Poeschel: Unzufriedenheit in Deutschland trägt nachweisbar dazu bei, dass sich die Menschen Gedanken übers Auswandern machen. Dass es dazu kommt, erfordert aber wichtigere Gründe, und da werden in aller Regel zuerst Karriereaussichten genannt und danach familiäre Gründe. Bei jeder individuellen Entscheidung fließen wohl viele Teilaspekte ein. Die Arbeitsaussichten sind schon deshalb nicht der alleinige Grund, weil die Arbeitslosigkeit unter deutschen Auswanderern in vielen wichtigen Zielländern höher ist als in Deutschland. Ein Studium im Ausland ist ein weiterer Auswanderungsgrund: 140 000 internationale Studenten kommen aus Deutschland, so viele wie aus keinem anderen OECD-Land.

Frage: Sie selbst haben in England, Frankreich und Italien studiert. Was waren Ihre persönlichen Motive für den Weggang aus Deutschland?

Poeschel: Nach dem Abitur am Alten Gymnasium Oldenburg wurde mir klar, dass man auf dieser Basis weit springen kann. In meinem Fall hieß das, einen Platz an der London School of Economics zu ergattern, um eben Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte zu studieren. Für mich war das die ideale Kombination: eine Uni mit dem passenden Profil in einer aufregenden Stadt – bei damals noch erschwinglichen Studiengebühren.

Frage: Welchen Berufen gehen die Deutschen im Ausland nach?

Poeschel: Deutsche Auswanderer arbeiten überproportional häufig in einem Beruf, der einen Hochschulabschluss erfordert oder mit Führungsfunktionen einhergeht. Das lässt sich schon in europäischen Zielländern beobachten, aber noch stärker in Ländern außerhalb Europas. Techniker, Handwerker und Bürokräfte trifft man unter den Auswanderern dagegen seltener als in Deutschland an. Tausende deutsche Auswanderer arbeiten auch in Berufen, die in Deutschland stark nachgefragt sind. Allein in der Schweiz sind es 9000 Ingenieure und noch mal so viele Ärzte. In den USA arbeiten ebenfalls 9000 deutsche Auswanderer als Ingenieure und 8000 als Krankenpfleger. In Österreich und Kanada arbeiten Tausende deutsche Auswanderer als Lehrer.

Frage: Bleiben die Deutschen dauerhaft im Ausland oder ist eine Rückkehr meist eingeplant?

Poeschel: In fast allen wichtigen Zielländern lebt die große Mehrheit der deutschen Auswanderer seit mehr als zehn Jahren im Land. Dennoch scheint ein hoher Prozentsatz der Auswanderer früher oder später zurückzukommen, dann in erster Linie aus familiären Gründen und in zweiter Linie wegen der Karriereaussichten. Anlass zur Sorge ist, wer eben nicht zurückkehrt: Meine Analysen legen nahe, dass in den vergangenen Jahren mehr Menschen mit Hochschulbildung Deutschland verlassen haben, als zurückgekehrt sind. Auch Erwerbstätige gehen häufiger, als dass sie zurückkommen. Für die auswandernden Wissenschaftler wurde festgestellt, dass sie im Durchschnitt mehr Einfluss in ihrem Fach haben als diejenigen, die zurückkehren.

Frage: Sie arbeiten jetzt in Paris. Kommen Sie irgendwann wieder zurück nach Deutschland?

Poeschel: Durch all die Unterschiede, auf die man im Ausland trifft, lernt man auch viel über sich selbst. Und da merke ich schon, wie sehr mich Niedersachsen geprägt hat. In Braunschweig bin ich geboren, in Wolfenbüttel und Oldenburg aufgewachsen, und in Jever habe ich noch Wehrdienst geleistet. Ich bin regelmäßig bei meinen Eltern in Hundsmühlen, und manchmal quartiere ich mich bei meiner Großmutter in Ostfriesland ein. Eine Rückkehr kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich bin nach zehn Jahren im Ausland auch schon einmal für zwei Jahre zurückgekehrt, um in Nürnberg und dann im politischen Berlin zu arbeiten.

Frage: Was ergibt sich aus Ihrem Bericht? Haben Sie eine Empfehlung für die Politik?

Poeschel: Der Bericht leistet erst einmal eine detaillierte Bestandsaufnahme, für die es noch vor Kurzem keine geeigneten Daten gab. Darauf aufbauend kann zum Beispiel eine maßgeschneiderte Politik entwickelt werden, die sich an deutsche Auswanderer richtet – so etwas gibt es bisher nur in Ansätzen. OECD-Länder begreifen Auswanderer aber zunehmend als eine Ressource für den heimischen Arbeitsmarkt, für Investitionen und für den Handel.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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