ROSTOCK Die Grünen blasen zum Generalangriff auf Schwarz/Gelb. Der lang geplante Termin ihres Parteitags in Rostock im Schatten der Regierungsbildung von Union und FDP lässt der kleinsten Oppositionspartei keine andere Wahl. Vorsichtig bekennen sich die Delegierten per Beschluss zu Rot/Rot/Grün als möglicher Alternative. Trotzdem proben die Grünen auch eine kleine Revolution: Sie lassen keinen Zweifel an neuen Jamaika-Möglichkeiten in den kommenden zwei Jahren auch in größeren Ländern als dem Saarland.

Eine Partei übt den Spagat. „Ab heute, sofort wird Schwarz/Gelb von uns gestellt“, ruft die Vorsitzende Claudia Roth den jubelnden 700 Delegierten zu. Die Abgeordnete Bärbel Höhn mokiert sich: „Wenn sie könnten, würden Merkel und Westerwelle den Atommüll am liebsten in einem Schattenhaushalt verschwinden lassen.“ Roth folgert: „Teetrinken bei Frau Merkel ist keine grüne Priorität.“ Der Koalitionsvertrag ist noch frisch – schon erscheint er den Frontleuten Roth, Cem Özdemir, Renate Künast und Jürgen Trittin als Betriebsanleitung für die Abwicklung von Sozialstaat und Klimaschutz. Ein Ventil braucht der Parteitag nicht. Forderungen nach einem Afghanistan-Abzug bis 2010 oder 2011 schmettert die Basis ab. Die Linie des Vorstands, jetzt müsse ein Rückzugsplan entwickelt werden, ist der großen Mehrheit scharf genug.

Das grüne Bekenntnis zu Rot/Rot/Grün 2013 binden die Delegierten pflichtschuldig an die Bedingung, dass „die Linkspartei bis dahin regierungsfähig wird“. Tatsächlich probieren sie aber schon mal ein wenig mehr Aufbruch auch zu anderen Zugängen zur Macht. Diesmal ziehen Reformer Forderungen zurück, dass jetzt alles offen sein soll. „Das ist Feigheit vor der Basis“, ätzt der Europa-Abgeordnete Sven Giegold. „Ich hätte mich gefreut, wenn wir heute hier mal abstimmen könnten“, kritisiert Max Löffler von der Grünen Jugend.

Von Forderungen der Landtags-Fraktionschefs für volle Freiheit zu Rot/Rot/Grün, Schwarz/Grün oder auch Schwarz/Gelb/Grün in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und anderen Ländern mit baldigen Wahlen bleiben nur Sätze übrig.

Im Saarland wird schon munter weiter über die Premiere für Jamaika verhandelt. Künast und Trittin drängten Saar-Parteichef Hubert Ulrich zuvor erfolglos zu Rot/Rot/Grün. Jetzt verteidigt Ulrich die Übung vor der linkslastigen Parteitagsbasis demütig als „Experiment“ – und erhält Beifall. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle Spielarten erleben werden“, sagt die Fraktions-Chefin im EU-Parlament, Rebecca Harms. Die als mögliche künftige Parteichefin gehandelte Geschäftsführerin Steffi Lemke versichert den Landesgrünen „Unterstützung für ihre jeweilige Strategie“.

Ob alle Beteuerungen im Ernstfall gelten, bleibt offen. Özdemir will eine Brücke zwischen allen in der Partei spannen mit dem Aufruf: „Lasst uns Grüne die inhaltliche Meinungsführerschaft für die linke Mitte übernehmen.“ Wie die Schwarz/Gelben dürften die Grünen aber weiter nach einer einigenden Basis für viele Kompromissformeln suchen. Künftiger Zwist ist wahrscheinlich.

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